englishE9N - ENSEMBLE 9. NOVEMBER

WIEDERAUFNAHME:
Freitag, 27. April
Samstag, 28. April

LA STRADA 2012
Musiktheater
nach Federico Fellini





Fotos: Sabine Lippert

PREMIERE:


Donnerstag, 1. März, 20:00 Uhr

WEITERE
AUFFÜHRUNGEN:


März 2012

Freitag, 2. März, 20:00 Uhr
Samstag, 3. März, 20:00 Uhr
Sonntag, 4. März, 20:00 Uhr
Donnerstag, 15. März, 20:00 Uhr
Freitag, 16. März, 20:00 Uhr
Samstag, 17. März, 20:00 Uhr

WIEDERAUFNAHME:


April 2012

Freitag, 27. April, 20:00 Uhr
Samstag, 28. April, 20:00 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de





Fotos: Sabine Lippert




Das Lied der Straße ist eine musik-theatralische Dramatisierung
nach Motiven aus dem Film: „La Strada“ nach Fellini. Die Straße, die Landschaft, das Meer, der Abfall, der Hunger. Ein Mädchen wird verkauft, zur Linderung der Hungersnot. Wir führen die Geschichte ins Heutige, verschärfen den Blick ins Aktuelle des sozialen Nomadentums. „Nomadismus“, dieser provozierende Kern innerer Isolation. Wir bringen diese Thematik in einer interdisziplinären, hoch poetischen, dennoch schonungslosen Kunstform. Fellinis Figuren sind moderne Klassiker unserer Zeit, aktueller denn je. „Es gibt mehr Zampanos in dieser Welt als Fahrraddiebe“. Engel, Hochzeiten, kasteiende Prozessionen, das Zirkusleben, die Liebe und der Tod, sind sie doch die ewig wichtigen und immer wieder kreisenden Vorbilder in der Literatur. Mit den Waffen, des Humors, mit Wehmut und Abenteuer vertreten die einzelnen Figuren ihre Zerrissenheit , ihre Freiheit, ihre Naivität, sodass sie eine betörende Verbindung mit dem Publikum eingehen. Durch die Gleichwertigkeit aller Künste, die das E9N Theater einsetzt, wollen wir in „La Strada 2012“ daran erinnern, dass „die Strasse“ überall zu finden ist, häufig sogar in uns selbst. In einer Sprache voller Bilder, Töne, Klänge, Choreographien, kreieren wir eine Partitur der Sinne, für alle, die sehen und hören wollen. Die Pianistin Elvira Plenar (Jazz-Preisträgerin des Landes Hessen), Komponistin und musizierende Teilnehmerin am Projekt, spielt - auch mit den „Innereien“ des Flügels - eigens für das Projekt entwickelte Musik, die sich in der Nähe zu Jazz-Klezmer, Klassik und Neuer Musik bewegt. Unterstützt wird sie von Ina Kleine-Wiskott (Violine) und Jens Hunstein, der eine Vielzahl von Instrumenten wie Saxophon, Flöte, Tuba, Klarinette, Akkordeon und weitere bedient. Multitalentierte Schauspieler/innen, ein Breakdancer, eine Sängerin, beleben das Projekt mit Spiel, Tanz, Gesang und Akrobatik. Choreographische Bildkonstruktionen verbinden das Spiel mit einer dynamischen Bühne, sowie einem filmischen Medieneinsatz.


REGIE, DRAMATURGIE:
Helen Körte
MUSIK UND KOMPOSITION:
Elvira Plenar
BÜHNE:
Wilfried Fiebig


DARSTELLERINNEN und DARSTELLER:
Dzuna Kalnina
Hanna Linde
Raija Siikavirta
Claudio Vilardo
Damaso Mendez: Tänzer
(FILM:)
Wilfried Fiebig
Ruth Klapperich
Raija Siikavirta
Claudio Vilardo
Die Kinder: Anna Katharina Bach
Hanna Brugger
Annemike Plößer
Brenda Puttini

Musik:
Jens Hunstein: Klarinette, Tuba, Flöte, Akkordeon und weitere
Ina Kleine-Wiskott: Violine
Elvira Plenar: Piano
Dzuna Kalnina: Gesang

Choreographie:
Damaso Mendez.

Kostüme:
Pauline Plenar
Wilfried Fiebig.

PROJEKTIONEN und FILM:
Jörg Langhorst

SPONSOREN:
Dr. Bodo Sponholz Stiftung
FAZIT (Faz Stiftung)

UNTERSTÜTZUNG DURCH:
Kulturamt Frankfurt
RMD Rhein-Main Deponie GmbH
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main


Pressestimmen:

Ein Zampano schlägt sich durchs Leben

Helen Körte schuf eine bezaubernde Bühnenfassung zu Fellinis Filmklassiker "La strada". Premiere war im Gallus-Theater Frankfurt.Jeder weiß vom "großen Zampano". Wem der Sinn für Filmkunst nicht ganz abgeht, dem fallen zu "La strada" spontan auch das clownesk-tragische Lächeln Giulietta Masinas als Gelsomina und die männliche Präsenz, die brüchige Grobheit und der gequälte Blick Anthony Quinns als Schausteller Zampano ein. Mit seiner Kraftnummer schlagen sich beide durchs Leben, nachdem er Gelsomina der hungernden Familie abgekauft hat. Das Bühnenteam Helen Körte (Regie, Dramaturgie) und Wilfried Fiebig (Bühne, Kostüme, Objekte) hat es häufiger mit Klassikern und der Avantgarde aus Literatur und Bühne zu tun, und doch ist dies weltberühmte Werk von 1954 eine perfekte Vorlage für ihr "Ensemble 9. November". Letzteres zeichnet sich wie stets durch eine hochintelligente, leichtfüßig-dichte musikalische Ko-Schöpfung aus. Fiebigs Findungen (ein großes breites Rad mit Segmenten ersetzt den Wagen, Gestelle mit viel Plexiglas die Hochzeitstafel, der Carabiniere ist kubistisch auf Formen und Farben dekonstruiert) verbinden sich perfekt mit Körtes traumartig-nichtlinearer Imagination.Mit Raija Siikavirta hat Körte die ideale Besetzung in roter Strumpfhose, kurzem Flickentaschenrock und gestreiftem T-Shirt gefunden. Da italienische Stoffe auf deutschen Bühnen oft schon sprachlich bedingt verunglücken, sei betont, wie zwanglos Siikavirta und ihr sehr guter Zampano Claudio Vilardo (schwarzes Leder, Nieten, protzige Basketballstiefel) dies mittels italienischer Sprachbrocken in perfekter Aussprache und ihres greifbaren Bezugs auf eine Internationale der Theater-Vaganten umgehen. Schön auch Hanna Linde als Akrobatikclown Matto und Hure, die Sängerin Dzuna Kalnina als Fee und Zirkusdirektor und Damaso Mendez als Pantomime. Da non perdere – Nicht verpassen!

- dek
(Frankfurter Neue Presse 03/03/2011)


Eine kulinarische Theaterfeier

„La Strada“ mit dem Ensemble 9. November
Von Stefan Michalzik

Helen Körtes Inszenierung „La Strada 2012“ mit dem Ensemble 9. nach Federico Fellinis Filmklassiker von 1954 wartet mit einem zentralen Darstellerpaar auf — Raija Siikavirta und Claudio Vilardo, die Fellinis Schauspielerin Giuletta Masina und Anthony Quinn in einer bilderbuchhaften Weise optisch entsprechen. Und die Filmszene, mit der dieser Abend im Frankfurter Gallus-Theater beginnt, ist geeignet, Assotiationen zur Bildästhetik des neorealistischen Films zu wecken. In einer kargen Landschaft - es handelt sich um eine Müllhalde - wird der Handel geschlossen, nach dem das Mädchen Gelsomina in den Besitz des ungehobelten Schaustellers Zampano übergeht, als Assistentin, als Haus- und Bettgenossin. Die Regisseurin hat im Programmhelt das Ziel formuliert, der Poesie der Filmvorlage nachzuspüren, mit einem verschärften „Blick ins Aktuelle des sozialen Nomadentums“. Eher humorig als scharf mutet indes in der Praxis das gleichnishafte Katz-und- Maus-Spiel zwischen dem Kraftmenschen, der scheinbar nichts von Gefühlen wissen will, und der vorwärtsgeniebenen — und sich gleichwohl selbst behauptenden — Frau an. Das Ensemble 9. November befindet sich im 23. Jahr seines Bestehens in einem Stadium der Selbststilisierung. Von einer „Stradivari-Fiebig“ ist mit Blick auf eine plexigläserne Violine die Rede. Die skulpturalen Objekte von Wilfried Fiebig, dem von der Bildenden Kunst her kommenden Bühnenbildner, beanspruchen in diesem Theaterkosmos seit jeher eine eigene Position. Zampano und Gelsomina reisen mit einer Art Kabelrolle, in deren Achsenkern man den Drehwurm bekommen kann. Das Trio um die Jazzpianistin und Komponistin Elvira Plenar sowie den Klarinettisten, Akkordeonisten und Multiinstrumentalisten Jens Hunstein und Ina Kleine-Wiskott an der Violine spielt eine musikantisch-vitale Theatennusik. Klezmer ist die Grundlage, mit einer Horizonterweiterung bis hin zu einer aus dem Korpus des Klaviers geschöpften Klangmusik. Es handelt sich um Theater nach Art des Hauses Ensemble 9. November: Eine unbeschwerte Szenenrevue, die vor allem eine eingeschworene Fangemeinde zu erfreuen geeignet erscheint. Ein gleichsam kulinarisches Fest für das Theater. Helen Körte und Wilfried Fiebig erfinden sich und ihm charakteristische Bühnenästhetik nicht neu - aber sie verstehen es nach wie vor, das Beste daraus zu schöpfen.
(Frankfurter Rundschau, 05/03/2012)


„La Strada 2012“ Szenen einer verheerten Welt

06.03.2012 · Fast so schön wie bei Fellini: Das Ensemble 9.November zeigt im Frankfurter Gallus-Theater „La Strada 2012“.

Von Hans Riebsamen

Fellini ist im Oktober 1993 gestorben. Seine Frau Giulietta Masina, bekannt geworden als Gelsomina in „La Strada“, jenem Film, der Fellinis Ruhm in den fünfziger Jahren begründete, ist ihm fünf Monate später ins Grab gefolgt. Die Frankfurter Regisseurin Helen Körte hat Fellinis Filmstoff in einem Theaterstück wieder- und Gelsomina von den Toten auferweckt. Ihre wunderbare Hauptdarstellerin Raija Siikavirta erscheint wie eine Reinkarnation Masinas: ein zerzauster, drolliger Clown, ein altersloses Kind, halb lockende Frau, halb folgsames Tier.
In Deutschland lief Fellinis neorealistisches Melodrama, das die traurige Geschichte vom grobschlächtigen Schausteller Zampanò und seinem duldenden Sklavenkind Gelsomina erzählt, unter dem Titel „Das Lied der Straße“. In Körtes Inszenierung „La Strada 2012“ geben der Bläser Jens Hunstein, die Violinistin Ina Kleine-Wiskott und die Pianistin Elvira Plenar der auf der Bühne durch vier parallele Metallplatten angedeuteten Straße ihre ganz eigenen, dem Jazz, der neuen Musik und dem Klezmer entlehnten Töne, die weit entfernt sind von Nino Rotas Filmmusik. Und als die traurige Gelsomina einmal überhaupt nicht mehr weiterweiß, erscheint ihr eine Fee in Gestalt der Sängerin Dzuna Kalnina, die Gelsomina mit dem Lied „Caro mio ben“ für ein paar Minuten in eine schönere Welt entführt.
Es wird bunt und surreal
Musik, Gesang, Tanz, Akrobatik, Spiel, Dialog und Monolog und sogar Film machen aus „La Strada“ ein Gesamtkunstwerk, wie man es von Körte kennt. In dieser Inszenierung kommen die verschiedenen Kunstformen so glücklich zusammen wie lange nicht mehr bei den Produktionen des Ensembles 9.November, das aus Körte und Wilfried Fiebig besteht, der bei den originellen Kostümen und dem extravaganten Bühnenbild mithalf. Das Stück beginnt wie Fellinis Meisterwerk mit bewegten Schwarzweißbildern, gedreht auf einer Müllkippe im Frankfurter Umland, die jene verheerte Welt symbolisiert, in der eine Mutter in ihrer verzweifelten Not ihre Tochter Gelsomina an den reisenden Kraftmenschen Zampanò verkauft.
Danach wird es bunt und manchmal surreal im Gallus-Theater, lustig zudem, wenn Gelsomina als Ente über die Bühne hüpft, traurig auch, wenn Zampanò, treffend kraftmeierisch gespielt von Claudio Vilardo, ins Gefängnis muss und eine verlorene Gelsomina auf ihn wartet, weil sie ohne ihn nicht weiß, wo sie hinsoll. Realismus oder Neorealismus ist nicht Körtes Ziel, auch nicht psychologisches Theater. Die Regisseurin zerlegt Fellinis Roadmovie in 17 pointierte Szenen, die in häufig deutender, manchmal zugespitzter Weise Seelenzustände der beiden wandernden Protagonisten wiedergeben, die auf ihrem Zug übers Land auf andere nomadische Existenzen treffen. Die schweigende Zuneigung, die Gelsomina und Matto, dargestellt von der variablen Hanna Linde, verbindet, führt die beiden unter zwei spitzen Hüten zusammen, die mit einem Band verbunden sind. Mit solchen Bildideen überrascht diese Inszenierung ein ums andere Mal.
Das Stück folgt der Filmhandlung, geht aber über sie hinaus. Mit Damaso Mendez baut Körte einen Tänzer ein, dessen Bewegungseleganz die deprimierende Realität ebenso transzendiert wie die singende Fee. Dann wieder wendet sich das Stück ins Übermütige, auf der Leinwand hinter der Bühne wackeln animierte Schafe durchs Bild. Die Inszenierung wartet mit immer neuen Überraschungen auf und ist so geschickt getaktet, dass man sich nie an einem Bild sattsieht. Fellini und Masina blicken von ihrer Wolke gewiss mit großem Vergnügen auf dieses Stück hinunter.

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 07. März 2012)


„Eine Fee für Gelsomina“
E9N im Gallus Theater: La strada.

Strandgut 4/2012

Es geht stets um das Ganze, um die Gesamtheit der künstlerischen Ausdrucksweisen, wenn das Ensemble 9. November (E9N) ins Gallus Theater lädt. Gästen des Projekts von Helen Körte und Wilfried Fiebig verheißt dessen Anspruch, alle je möglichen Künste zusammenzubringen, immer wieder Theater-Erleben mit alle Sinnen.Das ist so geglückt wie beglückend und ungemein stimmig auch beim jüngsten E9N-Werk »La strada« der Fall, das dem großen Film von Federico Fellini von 1954 folgt und die zutiefst rührende Geschichte der Gelsomina (Giulietta Massina) nachempfindet, die als Mädchen von der hungernden Mutter an den rüpelhaften Wanderschausteller Zampano (Anthony Quinn) verkauft wird und dann an diesem zugrunde geht, weil der dumpfe Kraftprotz, der davon lebt, auf Marktplätzen mit geblähtem Brustkorb eiserne Ketten zu sprengen, die ihm Ausgelieferte nicht als Mensch und schon gar nicht als Frau wahrzunehmen in der Lage ist. Mit Raija Siikavirta ist die Rolle der an ihren widersprüchlichen Gefühlen verzweifelnden Kindfrau Gelsomina herausragend besetzt, in dem herrlich italienisch radebrechenden Claudio Vilardo als großem Zampano und der den Seiltänzer Matto gebenden Hannah Linde hat sie großartige Partner. Siikavirta ähnelt dem karottenköpfigen Fratz aufs wirr-struppige Haar, ohne ihn aber zu imitieren. Das tut auch die Regisseurin Helen Körte nicht, die »La strada« in einem 17-teiligen Bilderbogen im Stil einer Nummernrevue voller Überraschungen passieren läßt, für den sie Tanz, Gesang und Spiel, aber auch Filme nutzt, selbst gedrehte, animierte und dokumentarische. Körte nimmt sich sogar heraus, eine holde Fee (Dzuna Kalnina), die Gelsomina mit dem Hochzeitslied »Caro mio ben« tröstet, und den Pantomimen Damaso Mendez als Zirkusdirektor einzuführen oder Szenen wie den großen Schmaus der Zirkusleute neu ins Licht zu rücken. Mit jazzigem Klezmer zieht auch die Musik (Elvira Plenar, Jens Hunstein, Ina Kleinert-Wiskott) eigene osteuropäische Bahnen im vertrauten Kosmos von Wilfried Fiebigs phantastischen Bühnenbildern. Schöneres gibt es in Frankfurter Theatern derzeit nicht zu sehen.

(Strandgut 4/2012)

   

PREMIERE:
26. Okt. 2011, 20.00 Uhr

DAS ENDE DER TRAGÖDIE
ÖDIPUS, HAMLET, FAUST








Fotos: Sabine Lippert

WEITERE
AUFFÜHRUNGEN:


Oktober 2011
Mi. 26.Okt.11 20.00 Uhr
Do. 27.Okt.11 20.00 Uhr
Fr. 28.Okt.11 20.00 Uhr
Sa. 29.Okt.11 20.00 Uhr
November 2011
Mi. 02.Nov.11 20.00 Uhr
Do. 03.Nov.11 20.00 Uhr
Fr. 04.Nov.11 20.00 Uhr
Sa. 05.Nov.11 20.00 Uhr
Dezember 2011
Do. 01.Dez.11 20.00 Uhr
Fr. 02.Dez.11 20.00 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



Die Klassiker neu, im Gefieder aller Künste.


MUSIKTHEATER
90 Minuten

Die Inszenierung präsentiert mit Ödipus, Hamlet, Faust die drei zentralen Entwicklungsstadien in der Geschichte der Tragödie:
Anfang (Antike), Mitte (Renaissance), Ende (Neuzeit). Während sich die Tragödie in diesem Verlauf immer komplexer gestaltet, kommen in ihr zunehmend die Ästhetiken aller anderen Künste in ihrer historischen Entfaltung zur Geltung. Was sie der Tragödie in ihr frühes, enges `Gewand´ hineinstopfen, lässt diese zu einer immer weiter sich dehnenden Haut eines immer aufs Neue sich erfindenden Kunstkörpers werden.
Bilder– und Klang– Gewalt durchdringen spielerisch Raum und Zeit, erfüllen mit Phantasie sinnlich, was die Tragödie nicht zeigt, nur sagt. Weder der Text noch die ästhetische Aura der Tragödie bedürfen dazu einer Darstellung des biologischen Geschlechts-unterschieds. So sind es zwei Frauen, welche die Darstellung aller Figuren der drei Tragödien übernehmen.
Architektur, Skulptur, Malerei, Musik bilden das Kunstreich, in welchem sich die Protagonistinnen ihre jeweiligen Charaktere erspielen. Mezzosopran und Saxophon, motiviert durch die Tragödie, treiben diese zugleich von Tatort zu Tatzeit; während das „Ding“, dargestellt von einem Schauspieler, sprachlos aber nicht sinnlos, die Unabwendbarkeit des Schicksals signalisiert. Gegen dies erhebt sich erneut das freie Spiel der Künste.
Die Inszenierung glaubt nicht an den heroisierenden fetten Gestus bekannter und weniger bekannter Interpretationen der Tragödie. Sie will vielmehr ihre Idee erfüllen mit interesselosem und von Botschaften befreitem Schein der Künste. Tragödie und Komödie bilden von Anfang an ein dialektisches Paar.
Ödipus – Hamlet – Faust sind markante Stationen seiner historischen Entwicklung, des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit, – des eigenen Schicksals. Das Ziel : Humor und Komödie (z.B. im Moment von Slapstick). Hegel und Kant wissen philosophisch davon. Tragödie und Komödie, Sophokles und „Ödipus“, Aristophanes und „Die Vögel“, gefolgt von Hamlet und Faust, sind ihre theaterhistorischen Zeugen . Hiob und Ödipus sind die frühen Autoren dieser, mit der Tragödie beginnenden, Aufklärung.


REGIE:
Wilfried Fiebig
MUSIK / KOMPOSITION:
Bastian Fiebig
KREATIVE INTERVENTIONEN:
Helen Körte

Darsteller/innen:
Juliana Fuhrmann,
Simone Greiß,
Wilfried Fiebig (Das Ding)

Musik:
(Saxophon) Bastian Fiebig
(Mezzosopran) Gabriele Zimmermann

Bühne, Objekte, Kostüme:
Wilfried Fiebig


GALLUS THEATER

Kleyerstraße 15 - 60326 Frankfurt/M
Reservierung:
www.gallustheater.de
069 75 80 60 20

Mit freundlicher Unterstützung:

Kulturamt Frankfurt am Main,
RMD Rhein-Main Deponie GmbH,
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main



Pressestimmen:

Im Zeitraffer durch die Welt

Wilfried Fiebig vom „Ensemble 9. November“ inszenierte im Gallus-Theater Frankfurt „Das Ende der Tragödie“: Ödipus‚ Hamlet und Faust als musisch ausbalanciertes Bühnenspiel. „Die Klassiker neu, im bunten Gefieder aller Künste“, so lautet der Untertitel, dem die Produktion des „E9N“ mit einem Anteil „kreativer Interventionen“ Helen Körtes nachstrebt. Um das Fortschreiten und „Ende“ (Ziel) der Tragödie soll es gehen, nicht deren Tod. Also besticht das aus Fragmenten und Motiven des „Ödipus“ (Sophokles), „Hamlet“ (Shakespeare) und „Faust“ (Goethe) montierte, um einen biblischen Hiobs-Tupfer ergänzte Stück mit einer Tour de force aus Sentenzen und Szenenresten, die uns im Zeitraffer durch Antike‚ Renaissance und Neuzeit jagt. Als Multi-Darstellerinnen agieren Julia Fuhrmann und Simone Greiß, die auf vier hellen Boden-Rechtecken der symmetrischen, offenen Bühne im schwarzen, blauen, roten Bodysuit auftreten. Immerzu hängen sie Masken, Kostüme, Objekte aus Metallgestänge, Folien und buntem Zeug an umgeschnallten Trägern an sich auf und jonglieren sich Verse zu. Bildkürzel tragen uns etwa in Gedankenschnelle von der Sphinx mit ihrem Menschen-Rätsel zum „quadrierten“ Menschen im Kreis des Leonardo. Regisseur Fiebig gönnt sich als „das Ding“ in kuriosen Rollmaschinen maskierte Auftritte und lässt sich als „Nase“ ansprechen. Zwerg Nase oder Gogol? Die vergnügte Ironie teilt sich so oder so mit. Fluss, Rhythmus undKomik, um Gedanken, “Worte und Szenen aus 2400 Jahren unterhaltsam auf Bild- und Kostümideen unserer klassischen Moderne zu projizieren, die als heimliche vierte Epoche alles in sich aufhebt, liefern Mezzosopran Gabriele Zimmermann und der Musiker und Komponist Bastian Fiebig (Saxofon). Allein die Musikalisierung von „Es war ein Ratt...“ aus Auerbachs Keller bewies am Kehrvers „Als hätt sie Lieb im Leibe“ Qualitäten eines intellektuellen Gassenhauers; der eingefrankfurter Reim „Docktor Ludder“ auf „Fett und Budder“ brachte etwas von jenem akademisch-kulturprotestantischen Hauch ein, der das Visuelle beim „E9N“ seitens der Musik schon immer leise umweht. All das ist sehr verspielt, von reicher Vielfalt, cool und noch bis zum 2. Dezember am besten selbst zu erleben, denn: Über Rosen lässt sich dichten, in die Äpfel muss man beißen.

- dek
(Frankfurter Neue Presse 28/10/2011)


Tragödie mit und ohne Ende

Das Ensemble 9. November stellt im Frankfurter Gallus Theater seine neue Kollektion vor.
Von Bernhard Uske

Goethes „Als hätte sie Lieb’ im Leibe“ — der Refrain des Studentenlieds in Auerbachs Keller über die Keller-Ratte wurde zuletzt vom Publikum als Zugabe mitgesungen. Das war das reale Ende vom „Ende der Tragödie“, dem neuestenProjekt, das das Ensemble 9.-November im Frankfurter Gallus Theater zur Uraufführung brachte. Ein dreiteiliger theatralischer Quickie aus Sophokles’ „Ödipus“‚ William Shakespeares „Hamlet“ und eben Johann Wolfgang von Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil“. Der abendländische Kanon im Schnelldurchlauf und in einem Material- und Klangraum, der mit seiner designerischen Dominanz die Tragödien-Troika zur reinen Vorlage, ja Unterlage machte. Es hätten auch Homer oder Aischylos, Heinrich von Kleist oder Arthur Schnitzler sein können: Entscheidend ist bei Aufführungen des E9N das material-gestalterische Alleinstellungsmerkmal, das Wilfried Fiebig mit seinen Akteuren auf die Bühne bringt. Haute couture concrete könnte man die mit Federn, Metallgestängen oder Plastik-Manchettenbestückten Aufzüge von Juliana Fuhrmann,‘ Simone Greiß und Wilfried Fiebig selber nennen: allesamt hier weniger Schauspieler als mimo-dramatisch animierte Mannequins, die bei jedem Hereinkommen in den schwarzen Theaterraum eine neue Kollektion vorstellen. Die Geräuschhaftigkeit der Bekleidungsrüstungen ist ein konstruktives Element dieses Materialtheaters, und fast war es schade, dass so viel Sound, so viel unterlegter Klangbrei noch dabei war. Ab und an gab es ausdrückliche lied- und arienartige Vokal- und Instrumentalbeiträge von Gabriele Zimmermann (mit manchmal angestrengtem Sopran) und Bastian Fiebig (Saxofon). Mittels Trikots waren die Körper der Akteure ganz freigesetzt. Und immer wenn diese Körper in ihrer verletzlichen Leibhaftigkeit in eine prekäre Beziehung mit scharfkantigen Applikationen ihrer kommunizierenden Oberfläche gerieten, um damit ihre Existenz im Raum zu artikulieren, war alle Bildungshuberei von Tragödie mit oder ohne Ende vergessen und die Freude über bildstarkes Ding-Mensch-Theater groß.

Bernhard Uske

(Frankfurter Rundschau 28/10/2011)


Im Dreierschritt von Ödipus über Hamlet bis Faust

Das Ensemble 9. November zeigt im Frankfurter Gallus-Theater das Stück „Das Ende der Tragödie“. Inszeniert hat es Wilfried Fiebig. Im Zentrum steht Kunst am Körper.

Von Michael Hierholzer

Zwei Schauspielerinnen. Ein Ding. Dazu ein Saxophonspieler und eine Mezzosopranistin. Sie lassen in knapp 90 Minuten „Das Ende der Tragödie“ aufleuchten, geben ihm einen Sound‚ fassen es in Bilder. So heißt ein Abend des Ensembles 9. November im Frankfurter Gallus-Theater, und da der Regisseur Wilfried Fiebig ist, wäre es sehr verwunderlich, wenn er den Titel nicht in Anlehnung an die These seines Hausgotts Hegel vom Ende der Kunst gewählt hätte. So zeigt die Inszenierung die Verfallsgeschichte der Tragödie von der archaischen Wucht des antiken Mythos bis zum Konflikt des Bürgers mit den von ihm selbst geschaffenen Konventionen, von der Strenge eines als unausweichlich befundenen Schicksals bis zum teilweise komisch anmutenden Spiel mit den moralischen Vorstellungen eines offenbar noch nicht gänzlich aufgeklärten Zeitalters. Von Odipus bis Faust. Dazwischen geht es um Hamlet, der unschuldig schuldig wird und dessen Persönlichkeit in Kontrast- zur gewalttätigen frühneuzeitlichen Gesellschaft steht. Während sich die Tragödie in bürgerlicher Tändelei aufzulösen droht und ‚nur noch im Elend Gretchens momenthaft aufscheint, gewinnen andere Künste nach ihrem Ende anscheinend an Kraft. Ihrer von Hegel angenommenen Aufgabe, „die höchsten Bedürfnisse des Geistes“ zu befriedigen, ledig, entfalten sie eine ungeahnte Freiheit. Indem Fiebig das interesselose Wohlgefallen an den zweckfreien Formen und Farben befördert, wird er zum ästhetischen Kantianer. Juliane Fuhrmann und Simone Greiß, die ungemein präzise agieren und die Verse nicht eigentlich sprechen, sondern auf die Bühne stellen wie Gegenstände, sind in allen Haupt- und vielen Nebenrollen zu erleben. Die Texte von Sophokles, Shakespeare und Goethe wurden bis zum Äußersten verkürzt, wobei die geflügelten Worte Markierungen gleich hervorgehoben sind. Erzählt wird hier nicht, vielmehr Text ausgebreitet, und die Musik von Bastian Fiebig, der auch das Saxophon spielt, sorgt mit ihren Klangteppichelementen und cineastisch wirkenden Effekten zusätzlich für den Eindruck stetig wechselnder Konstellationen, Zustandsbeschreibungen, Tableaux. Gabriele Zimmermann singt, als wolle sie das Publikmn in höhere Sphären entführen, aber dies ist eine von zahlreichen ironischen Pointen dieses Programms, denn es geht äußerst irdisch zu in diesen Liedern. Etwa wenn Fausts Ausflug zu den Hexen mit ihren derb erotischen Anspielungen zitiert wird. Dieses Theater ist Performance, ‘Revue, Installation in einem. Wesentliches Moment ist jedoch die Kunst am Körper aus Fiebigs Werkstatt, jene widerständigen und stacheligen, scharfen und spitzen, bunten und aus unterschiedlichen Materialien wie Textilien, Plexiglas oder Metallstäben zusammengebauten, beweglichen und transparenten, starren und elastischen Objekte. Der Mensch schleppt einiges mit sich herum, das ihn beschwert, seinen aufrechten Gang behindert, ihn zu ungewollten Posen zwingt. Den Dingen kann er nicht entkommen. Sie drängen sich ihm auf, verlangen wahrgenommen, bedient, genutzt zu werden. Womöglich gelingt es ihm, sie sich in einer Weise anzueignen, dass sie zu einer zweiten Haut werden. Zur Kunst. Diesen Vorgang beschreibt Fiebig. Das „Ding“, als das er selbst auftritt, ist letztlich doch ein Mensch, der von der Last der gegenständlichen Wirklichkeit gezeichnet ist, sich dieser aber auch anverwandelt. Dass die Tücke des Objekts für eine spezifische Komik sorgt, liegt in der Natur der Sache. Ein kompakter Abend. Der mit Überraschungen, die alle Sinne ansprechen, nicht geizt.

Michael Hierholzer
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29/10/2011)
   

PREMIERE:
DO. 31. 3. 2011, 20 Uhr

„TRILOGIE DES WAHNSINNS
AUF HALBER STRECKE“



Fotos: Sabine Lippert



Fotos: Jörg Langhorst

PREMIERE:


Do. 31. März 2011 20:00 Uhr

WEITERE
AUFFÜHRUNGEN:


Fr. 1. April 2011 20:00 Uhr
Sa. 2. April 2011 20:00 Uhr
So. 3. April 2011 20:00 Uhr
Mi. 6. April 2011 20:00 Uhr
Do. 7. April 2011 20:00 Uhr
Fr. 8. April 2011 20:00 Uhr

Fr. 13. Mai 2011 20:00 Uhr
So. 15. Mai 2011 20:00 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



Film und Musiktheater

nach Geschichten von Daniil Charms (Film)
Kurzgeschichten aus der Sammlung
‚Gute Knochen‘ von Margaret Atwood
‚Bombenfrau‘ von Ivana Sajko, Verlag der Autoren FFM (Theater)

TEIL I Film
Gespielt vom „Ensemble 9.November“ (Regie Helen Körte) nach zwei Kurzgeschichten von Daniil Charms: „Schmutzige Persönlichkeit“ und „Schicksal der Frau eines Professors“.
Charms war ein Vorreiter des Russischen Surrealismus/Dadaismus,
ein Satiriker jüdischer Herkunft, dessen Texte erst Jahrzehnte nach
seinem Tod bekannt wurden. Er gehört zu den in der Sowjetunion verfolgten Schriftstellern und starb 1941.
Charms vergaß in seinen Erzählungen nie das Lachen und wir werden es auch in diesem Film nicht vergessen. Seine skurrilen, wahnwitzigen Plots zelebrieren den Unsinn als Lebensform, stets getragen von einer tragikomischen Komponente, die chaplinesk anmutet. Daher überrascht es auch nicht, wenn eine Professorengattin zum Fisch mutiert.

TEIL II Theater
4 Kurzgeschichten aus der Sammlung : „Gute Knochen“ von Margret Atwood. Darin schildert die „Grande Dame“ der kanadischen Lite- ratur die abstrusen Welten des Alltags, immer wieder lustvoll auf den Kopf gestellt. Mensch und Tier befinden sich in gemütlicher Nähe zueinander. Snapshots menschlichen Verhaltens, vertreten z.B. durch ein Hühnerkollektiv, Fledermäuse im Krieg, Backrezepte zur Herstellung eines Mannes. Und über allem schwebt die Carmina Burana.

TEIL III Theater
“BOMBENFRAU“ von Ivana Sajko (Verlag der Autoren FFM)
Sajko ist eine Autorin und Regisseurin aus Zagreb, Kroatien.
Die Protagonistin des Stückes trägt eine Bombe unter Ihrem Herzen.
Die Autorin, auf der Bühne wiederholt präsent, beobachtet und interpretiert die Bombenfrau , ihren unaufhörlichen Spagat zwischen Leben und Tod . Allerlei illustre Personen, Masken des Alltags, bevölkern im fliegenden Wechsel die Szenerie, Agenten, seltsame Götter, sie alle sind Zeugen dieses eindringlichen Geschehens. Mit Jazz, Pop, Rock und Purcell, erhält die Trilogie
des Wahnsinns eine weitere eigene musikalische Dimension.

Regie (Theater + Film): Helen Körte
Komposition (Theater): Martin Lejeune
Komposition (Film): Elvira Plenar
Film (Kamera / Schnitt): Jörg Langhorst
Bühne und Objekte: Wilfried Fiebig
Kostüme: Margarete Berghoff
Assistenz: Miriam de Leuw

Darsteller/Innen:
Jens Böke
Miriam de Leuw
Wilfried Fiebig
Willi Forwick
Ruth Klapperich
Elvira Plenar
Verena Specht-Ronique
Claudio Vilardo

Gesang:
Dzuna Kalnina
Verena Specht-Ronique

Musik:
Jens Hunstein
Martin Lejeune (Theater)
Elvira Plenar (Film)

Licht:
Johannes Schmidt
Wilfried Fiebig

„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“

www.e9n.de
info@e9n.de

Pressestimmen:


Fritz, 5.2011:

Trilogie des Wahnsinns

Wer bisher Zweifel hegte, ob Theater als Kunst begriffen werden darf, der solle dem Ensemble 9. November im Gallustheater einen Besuch abstatten: Mit ihrer "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke" präsentieren die Akteure eine abwechslungsreiche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen, aber auch ganz alltäglichen Problemen, bei der sie sich vielfältiger Kunstformen bedienen; den Auftakt machen zwei skurrile Kurzfilme, gefolgt von vier modernen Kurzgeschichten, bei denen nicht nur Hühner und Fledermäuse das menschliche Tun karikieren. Begleitet werden die Szenen sowohl vom hoch qualitativen Gesang der Schauspieler als auch von den Klängen zweier multitalentierter Musiker. Abgerundet wird der Abend durch das Stück "Bombenfrau", das nach den überwiegend heiteren Vorgängern überraschend nachdenklich die letzten Minuten einer Selbstmordattentäterin beschreibt: Ein wahrlich sinnliches Vergnügen.
von Anna Krüger

Strandgut 5/2011:

Henne auf Abwegen

Ein Huhn, das ein Weizenkorn findet: Das ist der gelebte Alltag im Gehege. Es pickt und schluckt und legt sein Ei. Sollte es aber, wie die rote Henne, auf die Idee kommen, unter Freßverzicht seinen Fund anzulegen und am Ende in Brot zu verwandeln, so gerät das Hühnerleben aus dem Hühnertrott und nicht nur die Hackordnung, sondern die gesamte Tierwelt aus den Fugen. Jedenfalls in Margaret Atwoods hahnfreier Parabel und so, wie sie Helen Körte für das Ensemble 9. November im Gallus-Theater projiziert.
Die Kurzgeschichte hat die Regisseurin schon in den 90ern in einem abendfüllenden Atwood-Programm gezeigt und als einziges der vier Stücke der Kanadierin unverändert übernommen, weil’s ja auch der absolute Publikumsliebling war. Die Transportrollen, auf denen die Hühner-WG einfährt, ihre Kaffeesack-Kostüme: alles ist von damals. Und alles ist auch wie damals: begeisternd.
Eine Perle, für die das E9N einmal mehr sämtliche Kunstregister zieht: von der Livemusik (Martin Lejeune, Jens Hunstein) mit Gesang (Dzuna Kalnina) bis zu Kostümen (Margarete Berghoff) und Ausstattung (Wilfried Fiebig). Die Henne auf Abwegen eröffnet den theatralischen Teil der Stückerevue »Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke«, die der chaplinesk verstummfilmte russische Dadaist Daniil Charms als Vorspann und die Kroatin Ivana Sajko mit der »Bombenfrau« komplettieren. Die letzten zwölf Minuten und 46 Sekunden einer Selbstmordattentäterin im Dialog mit sich und ihrer Schöpferin haben’s buchstäblich in sich. In Gebärmutternähe! Wie aus dieser knappen Restviertelstunde des Lebens eine Stunde wird, das hat am Ende dank des großen Spiels des von Verena Specht-Ronique dominierten Ensembles (Jens Böke, Ruth Klapperich, Claudio Vilardo) keiner gemerkt. Ein wahnwitziger Abend. Termine: 13. und 15. Mai 20 Uhr
Strandgut 5/2011

Frankfurter Neue Presse vom 04. April 2011
Von Joachim Schreiner:

Mit einer Bombe unterm Herzen

Das «Ensemble 9. November» zeigt sein neues Stück «Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke» im Frankfurter Gallus-Theater. Die freie Theatergruppe «E9N» ist bekannt für ihr experimentelles Raumtheater und auch für die ungewöhnliche Verbindung von Film, Theater, Musik, Gesang und Sprache. Diese Mittel gehen auch bei «Trilogie des Wahnsinns» eine gelungene Symbiose ein. Bevorzugt werden dabei Prosatexte für die Bühne bearbeitet. So auch im ersten Teil des Abends, der auf Margaret Atwoods Erzählung «Good Bones», hier als «Gute Knochen» bekannt geworden, zurückgeht. Sechs Darsteller, die sich mitunter auf Rollwägelchen durch den Raum bewegen, setzen Atwoods Themen wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Literatur mit viel Fantasie um. Der wunderbar ironische, satirische Stil der Kanadierin wird dabei unter Verwendung von Livemusik und gesungenen Passagen aus Orffs berühmter «Carmina Burana» szenisch stimmig umgesetzt. Das sind zum Teil schon kleine Choreografien, die unter der Regie von Helen Körte kunstvoll und auch sinnlich auf die Bühne gebracht werden. Teil zwei der Trilogie ist eine Verfilmung von zwei absurden Kurzgeschichten von Daniil Charms, ein 1905 in St. Petersburg geborener, in der Sowjetunion verfolgter Schriftsteller, der bereits 1942 starb. Der auch dem Dadaismus verpflichtete Dichter, dessen Schriften erst posthum veröffentlicht wurden, erzählt hier von skurrilen Begebenheiten von Menschen, die in einer totalitären Gesellschaft überleben müssen. Der Experimentalfilm mit heiter-ironischem Grundton, mit Schauspielern des Ensembles gedreht, überzeugt in seiner expressiven Sprache und einer suggestiven Bildästhetik. Auch hier gelang Körte eine spannende Arbeit mit einer ganz eigenen, individuellen künstlerischen Handschrift. Eindeutig die Arbeit mit der politischsten Aussage des Abends war Teil drei, die szenische Übersetzung der Erzählung «Bombenfrau» von Ivana Sajko, einer hierzulande kaum bekannten kroatischen Autorin, die ihre Protagonistin eine Bombe unter dem Herz tragen, sozusagen als lebende Zeitbombe durch die Welt gehen lässt. Diverse eigenwillige Personen bevölkern hier im fließenden Wechsel die Szenerie. Eine starke Ensembleleistung prägt auch diese Inszenierung mit sehr originellen Kostümen und Objekten. Ein nachdrücklicher Abend mit Performance-artigem Theater für alle Sinne, umgesetzt von den Schauspielern Jens Böke, Wilfried Fiebig, Willi Forwick, Ruth Klapperich, Verena Specht-Ronique, Claudio Vilardo und den Musikern Martin Lejeune, Elvira Plenar und Jens Hunstein.

Joachim Schreiner


Frankfurter Rundschau vom 4.4.2011
Von Stefan Michalzik:

Heitere Kunst

Helen Körte rührt eine ,,Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke"im Gallus-Theater an. Mit der Zeit fragt man sich, wie es sein kann, dass eine solche Fülle von Bildern in einen Theaterabend passt, ohne dass er unter der schieren Last ihrer Menge zusammenbricht. Das FrankfurterEnsemble 9. November, 1988 gegründet von Regisseurin Helen Körte und dem von der Bildenden Kunst kommenden Wilfried Fiebig, hat von Anbeginn aus einer Verbindung von Theater, Musik, Tanz und skulpturalen Objekten opulente Entwürfe geschöpft. Diesmal freilich scheint man sich selber übertreffen zu wollen. Texte dreier Autoren hat Helen Körte zu dem dreistündigen Abend gefügt, der unter demTitel ,,Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke" im Gallus-Theaterher ausgekommen ist.Zu Beginn zeigt eine von vier Kurzgeschichten aus dem Band ,,GuteKnochen" von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood auf der possierlichen Projektionsfläche eines Hühnerhofs der MenschenGemeinschaft mit all ihren Schrullen, und eine schnittige Damentrias in Trenchcoats - Kostüme: Margarete Berghoff - backt sich einenMann aus Marzipan, Rosinen und anderlei einschlägigen Zutaten. Fürzwei Erzählungen des russischen Schriftstellers Daniil Charms hatKörte die seinen in der Nähe des Futurismus und des Konstruktivismus stehenden absurden Texten gemäße Form einer mehr oder weniger stummen Filmgroteske mit Musik von Elvira Plenar gefunden. Der letzte, der auf die Kroatin Ivana Sajko zurückgehenden Erzählung ,,Bombenfrau" geltende Teil, in dem es um die letzten 12 Minuten und 46 vor dem Tod geht, setzt einenKontrapunkt zu all der vorher gesehenen Narretei, indes auch mitHumor und leichter Hand.So viel der Bilder auch sein mag, steht auf der anderen Seite eineReduktion, etwa was den mit kaum mehr als einigen Metallplatten ausgestatteten Raum anlangt. Das zu einem Gutteil neu besetzteEnsemble - im Kern: Verena Specht-Ronique, die von derKammeroper bekannte, endlich einmal nicht in ein Rollenklischee gezwängte Altistin Dzuna Kalnina, Ruth Klapperich, Jens Böke und Claudio Vilardo - erweist sich als enorm frisch und das multiinstrumentalistisch agierende Duo um den Komponisten und Gitarristen Martin Lejeune und den Akkordeonisten Jens Hunstein changiert musikantisch vom Barock bis zum Rhythm'n'Blues. Die Kunst ist beim Ensemble 9. November noch im klassischen Sinne eine heitere. Nicht ohne Tiefe, aber leichtfüßig. Der Ansatz wirkt so konservativ wie modernistisch.

Stefan Michalzik


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2011, Nr. 78, S. 51
Von Eva-Maria Magel:

Engelin der Selbstmörder
Ensemble 9. November mit einer Trilogie im Gallus Theater

"Musiktheater" steht unter der jüngsten Arbeit des Frankfurter Ensembles 9. November. Eine Oper darf man sich darunter nicht vorstellen, eher Theaterszenen und einen Film mit Musik, aber es gibt viel auf die Ohren in der "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke": Am rechten Rand der Spielfläche im Frankfurter Gallus Theater sitzt der aus vielen theatralischen und musikalischen Kontexten der Stadt bekannte Martin Lejeune an der Gitarre, versiert wie je kommentiert und konterkariert, begleitet und hebt er mit seinen Kompositionen und Arrangements das, was auf der Bühne zu sehen ist, während Jens Hunstein eine staunenswerte Vielfalt von Instrumenten bedient. Nur die Harfe nicht - die bleibt einem der Engel vorbehalten, die auf Rollen dahergleiten. Die Harfe allerdings bleibt stumm, die Engelin, aus der Kategorie der gefallenen Engel, ist die Engelin der Selbstmörder, folglich ist sie wohl weniger gefallen denn gesprungen, und das passt zur "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke", deren Regie Helen Körte führte. Denn Eros und Thanatos, Liebe und Tod und vor allem das Weibliche sind, wenn man denn danach suchen wollte, die roten Fäden in dem mit drei Stunden sehr reichlich bemessenen Abend. Die ersten beiden Teile, auf der Bühne und im Videofilm, sind ein bunter, oftmals blutrot leuchtender Szenenreigen mit nur losen Zusammenhängen, der als eine Art Literatur-Varieté auf Texten zweier großer Autoren beruht und deren skurrile Geschichten hervorkehrt. Vier Kurzgeschichten von Margret Atwood liegen den Szenen des ersten Teils zugrunde, unter anderem jene berühmten Rezepte zur Herstellung eines Mannes, die Pfefferkuchen der traditionellen Lehm-Form-Methode vorziehen. Zwei von Daniil Charms' skurrilen Geschichten erzählt Körte dann mit dem ganzen großen Ensemble 9. November und seinen Satelliten als Stummfilm-Persiflage mit Musik (Elvira Plenar) im Mittelteil: Das Russland von Charms' verdrehten Figuren, die schwül-reife Erotik des mordenden Damenwäscheschneiders spielen an Schauplätzen in Frankfurt und Umgebung, was komische Kontraste erzeugt. Aus dem bunten Reigen heraus ragt der dritte Teil des Abends, "Bombenfrau", ein Einakter von Ivana Sajko. Der Text, für die Bühne geschrieben, entwickelt an sich schon eine Kraft, der auch so mancher Versuch des Poetisierens und spielerischen Aufbereitens des Ensembles 9. November nicht das Schockhafte, Verstörende, nimmt. Verena Specht-Ronique spielt die junge Selbstmordattentäterin, die mit einer Bombe am, im Leib in einer Menschenmenge auf einen Politiker wartet. Ihr Leben lässt sie in den 12 Minuten und 36 Sekunden Revue passieren, was wiederum eine Gelegenheit für rasch wechselnde Szenen ist und für die Frage, ob diese junge Frau denn wirklich sterben will. Hier kommen, präziser noch dosiert als zu Anfang, die schönen Kostüme (Margarete Berghoff) und vor allem die Objekte und Skulpturen zur Geltung, die Wilfried Fiebig gebaut hat: Ob Engelsflügel aus Pappröhren oder aus Sperrholz gesägte Tierskelette - Fiebigs Bühnenkonstruktion mit einem metallenen Baum für Fledermäuse, seine bizarren Skulpturen und kuriosen Spielobjekte sind als Bindeglied und Symbole eingehender Betrachtung wert.

Eva-Maria Magel
   

WIEDERAUFNAHME:
GALLUS THEATER
DO. 10. 2. 2011, 20 Uhr

„FRAU IM MOND UND ANDERE LIEBHABER“


Fotos: Sabine Lippert

Wiederaufnahme


Februar 2011
Do. 10.2.2011 20 Uhr
Fr. 11.2.2011 20 Uhr
Sa. 12.2.2011 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de

Gastspiel in Wien

März 2011
Do. 3.3.2011 20 Uhr
Fr. 4.3.2011 20 Uhr
Sa. 5.3.2011 20 Uhr

KosmosTheater
Tel. Reservierungen
+43 (0)1 523 12 26
Siebensterngasse 42
1070 Wien/Vienna | Austria
http://www.kosmostheater.at




PREMIERE 12. März 2009

Die Inszenierung, unter dem Titel "Frau im Mond + andere Liebhaber", entwirft eine gesamtkünstlerische Interpretation von 4 Erzählungen 4 deutschsprachiger Autorinnen, wobei jede der Erzählungen ihren eigenen Auftritt erhält:

  1. "Mondgeschichte" – Ilse Aichinger
  2. "Undine geht" – Ingeborg Bachmann
  3. "Besuch vom Hund" – Karen Duve
  4. "Kluge Else, Katherlieschen" – Christa Reinig
  1. "Mondgeschichte". Unter jazzigen Klängen im Rahmen eines Schönheitswettbewerbs, beginnt die erste Erzählung. In seinem Verlauf entschließt sich die hierzu versammelte illustre Gesellschaft zu einer Reise zum Mond, will man doch dem Anspruch, eine `Miß Universum´ zu küren, gerecht werden. Dort angelangt, begegnen sie, im Nebel umhüllten Mondgestein, Shakespeares unvergleichlich schöner Orphelia. Erfüllt von der Einsicht, daß keine ihr gleiche, trennen sich die Preisrichter und `Miß Erde´ von der auf dem Mond zurückbleibenden Orphelia. Letztes Bild: Eine aus dem Koma erwachte Miss Erde blickt auf den vorbeiziehenden Mond.
  2. "Undine geht", ein tänzerischer Monolog für 3 Frauen, 3 Stühle und 1 "Hänschen klein...", ein Hans für alle Fälle; aber auch "Hans, der Eine."
    Das Stampfen einer wilden Herde von Pferden geht über in das den Monolog wiederholt begleitende Stampfen der Frauen. "Im Spiegel des Hans" erleidet Undine leidenschaftlich Ausbrüche ihrer Gefühle: Zärtlichkeit, Todessehnsucht, Rache , Bewundederung, Verachtung in der Form einer Schmährede im "Schmerzton." Ihr Männer "die Ihr Eure Geliebten und Frauen, zu Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen macht." Der Eine fährt mit ihr Riesenrad, der Andere teil Wirtschaftsgeld ein.
  3. "Besuch vom Hund" ist eine Ode an das Tiersein im Menschen, an den Wolf im Hund. Mit seinem unerwarteten Besuch bei der Dichterin bricht der Hund in den wohlgeordneten Kreis einer kleinen Partygesellschaft ein, fordert sie mit unerwarteten Kommentaren heraus, entlarvt sie und bestimmt zunehmend den Verlauf der Dinge.
    Dabei treffen aufeinander: Ein `Blues Brother-Pärchen, mit weiblichem Anhang, eine Dichterin, ein Hund, der `Biß zeigt ´, über das `Hundsein´ philosophiert; und da ist dann immer noch "Billy the Kid..." Karen Duve zelebriert hier englisches Understatement, `Anglo-Saxon´ Humor, irgendwo zwischen Chaplin und Woody Allen.
  4. "Kluge Else, Gänsemagd als Bremer Stadtmusikanten". Die Erzählung vereint Frauenfiguren aus einigen Märchen der Gebrüder Grimm zu einem gemeinsamen Vorhaben: Der Gründung einer Beatband, den "Bremer Stadtmusikanten".
    Hierzu verlassen sie das häusliche Allerlei, ihnen zugedachter Frauenrollen, und begeben sich zielstrebig nach Bremen, dem Bestimmungsort ihrer Autonomie. Doch so einfach geht das nicht. Im Mondbeleuchteten Wald stoßen sie auf eine Trainingseinheit der Armee; Drill, Kampfschreie und immer wieder Liegestützen, Liegestützen, Liegestützen....
Die 4 Inszenierungen verknüpfen , zum reicheren Verständnis der Dramaturgie deren choreographiertes Spiel mit eigens hierfür komponierter und live vorgetragener Musik (Instrumental und Gesang), einer schillernden dynamischen Bühne, prächtigen Kostümen, Projektionen Neuer Medien und einem fein ausgetüftelten Lichtdesign.

KONZEPTION, DRAMATURGIE, REGIE: Helen Körte
KOMPOSITION, MUSIKAL. LEITUNG: Martin Lejeune
SCHAUSPIELER/INNEN: Ruth Klapperich, Margie King, Verena Specht-Ronique, Willi Forwick, Claudio Villardo, Fernando Fernandez.
MUSIKER: Martin Lejeune, Jens Hunstein, Peter Kölsch
BÜHNE, OBJEKTE: Wilfried Fiebig
KOSTÜME: Margarete Berghoff
FILME: Sebastian Schnabel, Tanja Herzen (HFG)
PROJEKTION: Jörg Langhorst, Wilfried Fiebig
LICHTDESIGN: Oliver Heyde
FOTOGRAPHIE: Sabine Lippert

„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“

www.e9n.de
info@e9n.de

   

PREMIERE:
GALLUS THEATER
Fr. 8. Okt. 2010, 20 Uhr

„SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS“







Fotos: Sabine Lippert

WEITERE AUFFÜHRUNGEN:


Oktober 2010
Sa. 9.10. 20 Uhr
So. 10.10. 20 Uhr
Di. 12.10. 20 Uhr
Do. 14.10. 20 Uhr
Fr. 15.10. 20 Uhr
Sa. 16.10. 20 Uhr
November und Dezember
Mo. 29.11. 9 Uhr, 11 Uhr
Di. 30.11. 9 Uhr, 11 Uhr
Mi. 1.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Do. 2.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Fr. 3.12. 9 Uhr, 11 Uhr
So. 5.12. 15 Uhr
Mo. 13.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Di. 14.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Mi. 15.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Do. 16.12. 9 Uhr, 11 Uhr
Fr. 17.12. 9 Uhr, 11 Uhr, 20 Uhr
Sa. 18.12. 15 Uhr, 20 Uhr
So. 19.12. 15 Uhr, 20 Uhr
Mi. 22.12. 15 Uhr
Do. 23.12. 15 Uhr
Vormittagsvorstellungen
nur mit Voranmeldung.

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


Vom abenteuerlichen Leben des Findelkindes Simplicius Simplicissimus


im Spessart des dreißigjährigen Krieges, erzählt das musik-theatralische Gesamtkunstwerk , inszeniert vom „Ensemble 9. November“.
An die Stelle von Buchillustrationen, wie z.B. die vorzüglichen Stiche Jacques Callots zum dreißigjährigen Krieg, lassen der überwältigende Reichtum an Bildern, Lifemusik und komödiantischem Spiel, die barocke Fülle der Epoche vor allen unseren Sinnen auferstehen .
Nicht zuletzt bildet diese, alle Künste und ihre Talente lebendig nahe bringende Inszenierung, eine echte Alternative zur digitalen Erlebniswelt.
Als roter Faden durchwirkt das abenteuerliche Leben des Simplicius in Stationen und Episoden das mit ihnen voranschreitende Spiel. Sein Lebensweg vom Hirten auf der Lichtung im Wald , zum Kalbs-Narren in der Schlossfestung zu Hanau , zum grünen Jäger von Soest, die fortwährende Neudefinition seines Selbst, als Teil einer zerrütteten kriegsmüden Gesellschaft, und endlich als Einsiedler,lassen seinen draufgängerischen Lebensstil im historischen Kontext des Dreißigjährigen Kriegs fast mustergültig erscheinen. Von Erlebnis zu Erlebnis, nach dem Motto `Fortsetzung folgt´, zeichnet die Inszenierung markante Phasen im Leben des Helden und verweist dabei zugleich auf seinen, in Buchform nachlesbaren, ausführlicheren Lebensbericht. Der hierfür von der autobiographischen Erzählsprache in spielbare Handlungssprache umdramatisierte Text, entstammt der neuen, vom Eichborn Verlag herausgegebenen, Fassung Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Schelmenroman `Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch´ in der Übersetzung aus dem Deutschen des 17.Jahrhunderts von Reinhard Kaiser.
Das Frankfurter „Ensemble 9. November“ (E9N), geleitet von Helen Körte und Wilfried Fiebig, führt dies im Gallus Theater »für Menschen von 6 bis 96 Jahren« auf. ... als gattungsübergreifendes Spiel für alle. Mit, wie bei dieser Truppe üblich, Tanz, Musik, Gesang, und bildender Kunst.“ Es gibt wohl keine Gruppe in der freien Theaterszene Frankfurts, in der diese eine so entscheidende Rolle spielt wie bei diesem Ensemble, das nicht einfach ein Bühnenbild und Kostüme anfertigt, sondern komplexe bildhauerische Werke und eine spezifische Körperkunst, die sich im Wechselspiel von Formen sowie Materialien mit den menschlichen Bewegungen entfaltet.« (FNP)

Regie und Dramaturgie:
Wilfried Fiebig
Spielerische Interventionen:
Helen Körte

Darsteller/innen:
Jens Böke
Simone Greiß
Ruth Klapperich
Claudio Vilardo

Gesang (Mezzo):
Gabriele Zimmermann
Musik:
Claudia Hornbach (Akkordeon)

Musikalische Konzeption, Bühne/Objekte, Kostüme:
Wilfried Fiebig

Mit freundlicher Unterstützung: Eichbornverlag FFM, Kulturamt Frankfurt/M,
Jugend- und Sozialamt Frankfurt/M, Hochschule für Gestaltung Offenbach/M

„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“

www.e9n.de
info@e9n.de

Pressestimmen:


Frankfurter Allgemeine, 12.10.2010:



Das Leben, ein Narrenspiel.

Nein, nicht wirklich. Der Ernst schaut allenthalben um die Ecken und durch die Ritzen, am Widerstand des Wirklichen prallt aller Spaß ab, und keiner spürt die Härte der tückischen Objekte so sehr wie der Komödiant. So bringt das "Ensemble 9. November" gewiss ein groteskes Spektakel auf die Bühne des Frankfurter Gallus-Theaters (Kleyerstraße 15), aber eines, dessen Personen gefangen, verfangen, verkeilt, verborgen sind in Gestellen und Gestängen, unter doppelten, dreifachen, vierfachen Häuten, Rüstungen, Zurichtungen. Wie eine Dornenkrone sitzt dem barocken Titelantihelden (Claudio Vilardo) der metallene Hut auf dem Kopf, und die beiden Frauen (Simone Greiß und Ruth Klapperich), die für die höfische Gesellschaft, für die Armee, für die Menschheit im Ganzen stehen, können gelegentlich nicht anders, als gemeinsam und wohlkoordiniert im Tippelschritt zu gehen, weil sie eingeengt, eingeschlossen, ummantelt sind von schweren pelzigen Textilien mit langen klirrenden, transparenten Anhängseln. Jens Böke wirkt etwa als Einsiedel mit einer Kutte voller Bänder oder als Governeur mit ausladendem gefalteten Kopfschmuck wie ein Opfer von Konventionen.
Helen Körte und Wilfried Fiebig haben sich ein gewichtiges Prosawerk vorgenommen, das jüngst im Eichborn-Verlag, von Reinhard Kaiser aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts in eine den Gegenwartsmenschen leichter verständliche Sprache übersetzt, erschienen ist: "Simplicius Si mplicissimus", von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen verfasst, ein Buch, das als erster deutscher Abenteuerroman gilt und auch gern unter "Schelmenroman" rubriziert wird. Dieser Begriff freilich setzt den Akzent zu deutlich auf die heitere Seite, obwohl doch überall der Schrecken des Krieges, einer ungerechten Gesellschaftsordnung, eines abstrakten Menschenbilds durchscheint. So sind die Kostüme in dieser weniger als Inszenierung, sondern eher als bewegte Installation und Skulptur als Performance anzusprechenden Aufführung oft mit Nägeln besetzt, sind voller Stacheln und spitzer Objekte, und einmal muss Simplex sich gar aus einer Plastikumhüllung kämpfen, die ihn zu ersticken droht. Die Individuen panzern sich, verteidigen ihre Subjektivität, wappnen sich gegen die Zumutungen der militärischen und sozialen Lage.
Schilde und Stangen, aber auch ein Kleid aus riesigen, durchscheinenden Buchseiten oder Pfauenfedern sowie eine Vielzahl anderer Utensilien bilden ein artifizielles Zwischenreich, das mit Verwandlungen, Funktionsänderungen, überraschenden Neuarrangements die Augenwie die Deutungslust anregt. So lernt etwa Simplicius diverse Wörter, indem zwei flache Formelemente immer wieder anders kombiniert werden und so jeweils neue Vokabeln bezeichnen. Der Text ist naturgemäß sehr stark gekürzt. Für das Gesamtkonzept sind die Musik der Akkordeonistin Claudia Hornbach und der Gesang von Gabriele Zimmermann von Bedeutung: als Mittel der kunstvollen Verfremdung. Die Geschichte 'vom Findelkind aus dem Spessart, das in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zwei Jahre beim Einsiedel das Nötigste lernt, später die feine Gesellschaft kennenlernt und dieser als Kalbs-Narr dient, wird in Szenen erzählt, die sein Leben zwar als fragmentarisch erscheinen lassen, aber auch von den unendlichen Möglichkeiten des menschlichen Seins handeln. Der aller einfachste Charakter ist in Wahrheit ein höchst differenzierter: weniger für sich als für die anderen.
Von Michael Hierholzer

Frankfurter Rundschau 11.10.2010:



Wuchernder Bilderreichtum


Das Frankfurter Ensemble 9. November setzt ,,Simplicius Simplicissimus“ im Gallus-Theater in Szene.
Das Ensemble 9. November ist auf gewisse Weise seiner Zeit voraus gewesen. Schon seit ihrer Gründung 1989 bezieht die von Helen Körte und Wilfried Fiebig gegründete Frankfurter Gruppe ihre Stoffe vorwiegend aus der Prosaliteratur – inzwischen ist das an den Stadttheatern eine verbreitete modische Marotte. Den ,,Simplicius Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hat sich das frisch besetzte Ensemble – mit Simone Greiß, Ruth Klapperich, Jens Böke und Claudio Vilardo – nun im Gallus-Theater vorgenommen, in Reinhard Kaisers zu Recht gepriesener neusprachlicher Übertragung aus der Barocksprache. Wilfried Fiebig, der diesmal Regie führte (Helen Körtes Mitwirkung wird als ,,Spielerische Intervention“ apostrophiert), hat gut zwei Dutzend Szenen herausgepickt aus dem Entwicklungsroman, der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges um Grimmelshausens Geburtsort Gelnhausen herum spielt und unter dem Einfluss spanischer und französischer Schelmenliteratur entstanden ist. In zwei Stunden durchlebt hier das Findelkind adliger Abstammung eine Stationen-Komödie um die Verderbtheit des irdischen Daseins, mit der finalen Folge einer Weltabkehr. Wer vom verschwenderisch wuchernden Bilderreichtum nicht verführt sein will, der ist beim Ensemble 9. November verloren. Das strebt eine Einheit der ästhetischen Findungen zwischen Sprache, Musik, Tanz und Kunst an – ein wiedererkennbarer Bühnenkosmos. Bei Wilfried Fiebig, dessen bizarre Bühnen- und Kostümobjekte das Wort vom ,,Ausstatter“ ad absurdum führen, ist alles ein wenig kantiger als unter der Hand Helen Körtes. Den burlesken Szenen des Ensembles um den quirligen Simplicissimus Claudio Vilardo begleiten Mezzosopranistin Gabriele Zimmermann und Claudia Hornbach am Akkordeon mit Musik, die den Bogen vom Barock zur Romantik, von Bach und Pergolesi zu Brahms schlägt, was angesichts der Spiegelung einer aufkeimenden Moderne bei Grimmelshausen sinnfällig erscheint. Das Ensemble 9. November leistet es sich, das Theater als eine ,,absolute“ Kunst zu begreifen, die mit einer Fracht nicht zu belasten ist. Den Simplicissimus holt es herüber in eine Welt, die unsere auch nicht ist, sondern ein vor äußeren Einflüssen sorgfältig abgeschottetes Reich der Fantasie.

Stefan Michalzik

   

Wiederaufnahme:
Do. 04. November
Fr. 05. November
Sa. 06. November
Jeweils 20.00 Uhr

„TANZ DER HEUSCHRECKEN“
oder „Die geheimen Gedanken
der Manager“








Fotos: Sabine Lippert

PREMIERE:


Do. 18. MÄRZ 2010
20:00 UHR

WEITERE AUFFÜHRUNGEN:


Fr. 19. März
Sa. 20. März
So. 21. März
Do. 25. März
Fr. 26. März
Sa. 27. März
Jeweils 20.00 Uhr

WIEDERAUFNAHME IN MAI :
Do. 6. Mai
Fr. 7. Mai
und Samstag 8. Mai 2010 Jeweils 20.00 Uhr

Wiederaufnahme:


Do. 04. November
Fr. 05. November
Sa. 06. November
Jeweils 20.00 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


Die Produktion: „Tanz der Heuschrecken“ befasst sich mit dem, vom E9N Theater dramatisierten, Roman : „Marge brute“ (deutscher Titel :“Und morgen bin ich dran. Das Meeting“) , des französischen Autors Laurent Quintreau.
Es ist eine derbe Abrechnung mit der modernen turbokapitalistischen Hölle, ihren polierten Oberflächen und den sich darunter verbergenden zerbrochenen Seelen.

Inhalt:

Anlaß ist ein, ins Groteske gesteigertes, Vorstandstreffen, das Meeting. Über allen Köpfen kreist das Damoklesschwert der Kündigung. Leicht angelehnt an Dantes Inferno (Göttliche Komödie) : Vorhölle , Fegefeuer , Paradies, werden in zehn inneren Monologen, die Leiden der Teilnehmer nach außen gekehrt.
Angst, Hoffnung, Rache, Verruchtheit, werden von bösartigen Zuckungen der Charaktere, in allerlei Varianten, mit Verbalzwillen abgefeuert. Von ihnen erfährt nur der Zuschauer , während dies alles, zwischen den Teilnehmern des Meetings, ein wohlgehütetes Geheimnis zu bleiben scheint.
Das E9N, in seiner Dramatisierung und musik-theatralischen Ausführung, interpretiert diesen Romanstoff , nicht unähnlich Dantes Höllen-Komödie, ebenfalls als eine Tragikomödie. Vor unserem inneren Auge läuft ein parodistisches Psychogramm eines, bis ins Letzte, verinnerlichten Verkaufsdenkens: MODERN TIMES , oder : „Der Untergang des Abendlandes beginnt im Konferenzraum...wäre da nicht der Poet, als rettender Anker!

Das „Ensemble 9. November“ vereint, in seiner gesamtkünstlerischen Arbeitsweise, Spiel, Musik, Gesang, Tanz und bildende Kunst, in einer alles umfassenden Bühnen- Sprache.

REGIE: Helen Körte
MUSIK / KOMPOSITION: Elvira Plenar, Martin Lejeune
DARSTELLER / INNEN: Hanna Linde, Verena Specht-Ronique,
Mirjam Tertilt, Jens Böke, Willi Forwick, Claudio Vilardo
CHOREOGRAFIE: Guido Markowitz
BÜHNE/OBJEKTE: Wilfried Fiebig
KOSTÜME: Margarete Berghoff
LICHT: Sebastian Schackert
PROJEKTIONEN: Jörg Langhorst, Wilfried Fiebig
FOTOS: Sabine Lippert

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Frankfurt am Main,
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst,
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main

„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“

www.e9n.de
info@e9n.de



PRESSESTIMMEN


Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.3.2010

Lustig ist das Insektenleben
Es sei denn, man hüpft in die Falle: Das Frankfurter Gallus-Theater zeigt
„Tanz der Heuschrecken“

Heuschrecken - allerliebste Tiere, wenn sie auf Sommerwiesen herumhüpfen. An diese harmlosen Vertreter der Ordnung Ensifera und Caelifera hat der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering gewiss nicht gedacht, als er vor fünf Jahren Hedgefonds und ähnliche Raffgier-Vereinigungen als Heuschreckenplage bezeichnete. Ihm vor Augen standen vielmehr die gefräßigen Schwärme der Wanderheuschrecken, welche von Region zu Region wandern und eine ratzekahl gefressene Vegetation zurücklassen.
Im Frankfurter Gallus-Theater, also noch in Sichtweite der Kapitalhüpfer in den Banktürmen, springt jetzt ein Einsatzkommando solcher Müntefering-Heuschrecken herum. Der Einfall auf die Bühne, den Oberschrecke Rorty, Vorstandsvorsitzender eines multinationalen Unternehmens, und seine durch Umstrukturierungspläne verschreckten Unterschrecken vornehmen, verdankt sich dem Einfallsreichtum der Regisseurin Helen Körte. Sie hat unter dem Titel „Tanz der Heuschrecken“ den Roman „Und morgen bin ich dran - Das Meeting“ des französischen Autors Laurent Quintreau, im wahren Leben Artdirector eines Pariser Werbeunternehmens, zu einem Theaterstück verwandelt, das die geheimen Gedanken der Manager ausspricht: In Worten, Bildern, Farben, Skulpturen, Songs, Tanzfiguren, Film und Musik. So also, wie es Körte in ihrem unverwechselbaren multimedialen Stil seit vielen Jahren macht. Wirtschaftsheuschrecken – dies lernt man aus dem Stück – fressen im Gegensatz zu Wanderheuschrecken nicht nur Länder kahl, sie fallen auch übereinander her und zerstören in ihrer Fixiertheit auf die Steigerung der Gewinnmargen oder die Reduzierung der Lohnkosten ihr eigenes Inneres, ihre Identität und Menschenwürde. Sie mutieren zu Schrumpfpersönlichkeiten, zu insektenhaften Wesen, gesteuert von ihrer Triebstruktur: von Gehässigkeit, Eifersucht, Geilheit, Größenwahn und Frustration.
Alle sitzen sie in diesem Stück in der Falle, am Ende auch der skrupellose Rorty, dessen Darsteller Willi Forwick mit seinen unter die Füße geschnallten Prothesen tatsächlich einer Heuschrecke ähnelt. Doch vorerst thront der Konzernchef auf einem hölzernen Herrscherstuhl und tyrannisiert seine Manager, die in ihre von Bühnenbildner Wilfried Fiebig skulptural einfallsreich gestalteten Schreibtisch-Gefängnisse eingezwängt sind (Hanna Linde, Verena Specht-Ronique, Mirjam Tertilt, Claudio Vilardo, Jens Böke). Ihr Fluchtweg vor Leistungszwang und Furcht vor Jobverlust führen diese Damen und Herren in den Tagtraum. Hier führen sie einen inneren Monolog, der immer wieder zu einer Suade gegen den Chef, die Kollegen und gegen sich selbst ausartet.
„Tanz der Heuschrecken“ ist weit entfernt vom Agitationstheater, das zum Sprengen der Ketten aufruft. Die musikalische Groteske verbildlicht vielmehr die innere Hölle von Menschen-Insekten, die durch den Druck der Konkurrenzverhältnisse ihr Ich verloren haben. In zehn Bildern breitet Körte die Höllenfahrt der Manager aus, manche der Bilder prägen sich nachhaltig ein. Schade, dass Franz Müntefering die Inszenierung nicht sehen wird. Der alte Heuschrecken-Fachmann könnte im Gallus-Theater auf seinem Spezialgebiet etwas dazulernen.

HANS RIEBSAMEN


Feuilleton Frankfurter Rundschau 22.3.2010

Das Gestell der Moderne
In „Tanz der Heuschrecken...“ entdeckt das Ensemble 9. November die Ausweglosigkeit der Krise

Es beginnt wie ein Standard-Statement zum Gewinn-Hype der Gegenwart: Ein bisschen flach die Sache mit den Heuschrecken, wie damals in „Jud Süß“, wo die Sprung-Insekten bereits als Schlagwort für das zerstörerische Finanzjudenkapital herhalten mussten (komisch, dass das heutzutage niemanden stört). Aber für das Ensemble 9. November ist ein stereotypischer Kern immer nur der Anlass, die Ober- und Untertöne eines Schlagworts, die Macht der Schwingungen und Strömungen in den einzelnen Akteuren, ihren Körpern, ihren Stimmen und ihren Gesten zu aktivieren. Und wie immer, so auch jetzt wieder, beim „Tanz der Heuschrecken“ im Gallus Theater ist, ein großer Pluspunkt die Verlängerung der Interaktion der Spieler in ihre szenischen Prothesen hinein, die Wilfried Fiebig entworfen hat: Gestänge, Schnüre-Konstruktionen, Gerätschaften und Stuhl-Skulpturen, die die börsennotierten und gewinnorientierten Manager- Akteure auf Trab und im Griff halten. Man bewegt sich buchstäblich im Gestell der Moderne mit ihrer edel-klassischen Stahlrohr-Ästhetik, die zwängt und stachelt, mal auf große Fahrt geht und die schönste, choreografierte Bühnenarchitektonik abgibt.

Wünsche der Eingezwängten

Der Purismus der Edel-Sachlichkeitsform und dazwischen die unabgegoltenen Wünsche der Eingezwängten: Der 2006 in Frankreich erschienene Roman „Marge brute“ von Laurent Quintreau ist die Grundlage der knapp zweistündigen Aufführung, die Helen Körte als multimediales Aktionstheater präsentiert. Im Verein mit der psychodramatischen Klangkulisse von Elvira Plenar und Martin Lejeune, mit den Fiebig-Objekten und Bildprojektionen, mit den Kostümen Margarete Berghoffs und dem Licht Sebastian Schackerts ein Gesamtkunstwerk, das immer mehr Facetten zeigt. Ein hübscher Tanz mit hervorragenden Schauspielern (stellvertretend: Willi Forwick) und exzellenten Songs am Abgrund, an dem sich das Verstricktsein in den vibrierenden Maschen der Regelkreise sowohl in den Menschen selbst als auch zwischen ihnen ausdrückt. Keiner, ob oben oder unten, kann entkommen, das Gestell ist allmächtig und über den gestellten Menschen-Insekten könnten sich an diesem Abend Adorno, Foucault und Heidegger die Hände reichen.

BERNHARD USKE

STRANDGUT, Das Kulturmagazin Mai 2010

Gallus Theater
TANZ DER HEUSCHRECKEN:
Kretins wie wir.

Manager sind auch nur Menschen. Selbst jene, die Politiker gerne als eine die ach so soziale Marktwirtschaft pervertierende Plage denunzieren. Im Roman "Marge brut" seziert Laurent Quinceau die Spezies, indem er eine Vorstandssitzung aus der Sicht der Teilnehmer schildert. „Die geheimen Gedanken der Manager“ untertitelt E9N-Regisseurin Helen Körte das Stück, das sie daraus macht. In dem entpuppen sich die beruflichen Rollen schnell als bloße Fassade eingefleischter Ängste und Wünsche. Unter dem Druck von Krise und Konkurrenz verrenken sie sich, wie auf immer heißer werdenden Herdplatten. So kaputt der geile Pujol die fette Bremont oder Boss Rorty auch scheinen: Ihre Welt ist uns erschreckend vertraut. Alles Kretins – wie du und vielleicht auch ich. Körte inszeniert diese Innenwelten als Heuschreckentänze. Sechs Schauspieler sind in Käfig- korsette gezwängt, mit Telephonstrippen geknebelt und robote(r)n auf Geheiß im Takt, um dann traum- oder albtraumhaft aus ihren Rollen zu brechen. Ein Höhepunkt : Verena Specht-Ronique als verführerische Spinne im Netz. Das von den Musikern Elvira Plenar und Martin Lejeune untermalte Schauspiel mit Choreographien, Videos, Songs und skurrilen Geräten beansprucht all unsere Sinne – und vergnügt sie auch. Ästhetisch, geistreich und kritisch: Fürwahr ein Kunststück und vom Besten der Theatersaison.
STRANDGUT, Das Kulturmagazin Mai 2010