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LA STRADA 2012 |
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![]() ![]() Fotos: Jörg Langhorst WEITERE März 2012 Donnerstag, 1. März, 20:00 Uhr Gallus Theater |
MUSIKTHEATER Das Lied der Straße ist eine musik-theatralische Dramatisierung nach Motiven aus dem Film: „La Strada“ nach Fellini. Die Straße, die Landschaft, das Meer, der Abfall, der Hunger. Ein Mädchen wird verkauft, zur Linderung der Hungersnot. Wir führen die Geschichte ins Heutige, verschärfen den Blick ins Aktuelle des sozialen Nomadentums. „Nomadismus“, dieser provozierende Kern innerer Isolation. Wir bringen diese Thematik in einer interdisziplinären, hoch poetischen, dennoch schonungslosen Kunstform. Fellinis Figuren sind moderne Klassiker unserer Zeit, aktueller denn je. „Es gibt mehr Zampanos in dieser Welt als Fahrraddiebe“. Engel, Hochzeiten, kasteiende Prozessionen, das Zirkusleben, die Liebe und der Tod, sind sie doch die ewig wichtigen und immer wieder kreisenden Vorbilder in der Literatur. Mit den Waffen, des Humors, mit Wehmut und Abenteuer vertreten die einzelnen Figuren ihre Zerrissenheit , ihre Freiheit, ihre Naivität, sodass sie eine betörende Verbindung mit dem Publikum eingehen. Durch die Gleichwertigkeit aller Künste, die das E9N Theater einsetzt, wollen wir in „La Strada 2012“ daran erinnern, dass „die Strasse“ überall zu finden ist, häufig sogar in uns selbst. In einer Sprache voller Bilder, Töne, Klänge, Choreographien, kreieren wir eine Partitur der Sinne, für alle, die sehen und hören wollen. Die Pianistin Elvira Plenar (Jazz-Preisträgerin des Landes Hessen), Komponistin und musizierende Teilnehmerin am Projekt, spielt - auch mit den „Innereien“ des Flügels - eigens für das Projekt entwickelte Musik, die sich in der Nähe zu Jazz-Klezmer, Klassik und Neuer Musik bewegt. Unterstützt wird sie von Ina Kleine-Wiskott (Violine) und Jens Hunstein, der eine Vielzahl von Instrumenten wie Saxophon, Flöte, Tuba, Klarinette, Akkordeon und weitere bedient. Multitalentierte Schauspieler/innen, ein Breakdancer, eine Sängerin, beleben das Projekt mit Spiel, Tanz, Gesang und Akrobatik. Choreographische Bildkonstruktionen verbinden das Spiel mit einer dynamischen Bühne, sowie einem filmischen Medieneinsatz. REGIE, DRAMATURGIE: Helen Körte MUSIK UND KOMPOSITION: Elvira Plenar BÜHNE: Wilfried Fiebig DARSTELLERINNEN und DARSTELLER: Dzuna Kalnina Hanna Linde Raija Siikavirta Claudio Vilardo Damaso Mendez: Tänzer Musik: Jens Hunstein: Klarinette, Tuba, Flöte, Akkordeon und weitere Ina Kleine-Wiskott: Violine Elvira Plenar: Piano Dzuna Kalnina: Gesang Choreographie: Damaso Mendez. Kostüme: Pauline Plenar Wilfried Fiebig. PROJEKTIONEN: Jörg Langhorst | |||
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DAS ENDE DER TRAGÖDIE |
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![]() ![]() ![]() ![]() Fotos: Sabine Lippert WEITERE Oktober 2011 Mi. 26.Okt.11 20.00 Uhr Do. 27.Okt.11 20.00 Uhr Fr. 28.Okt.11 20.00 Uhr Sa. 29.Okt.11 20.00 Uhr November 2011 Mi. 02.Nov.11 20.00 Uhr Do. 03.Nov.11 20.00 Uhr Fr. 04.Nov.11 20.00 Uhr Sa. 05.Nov.11 20.00 Uhr Dezember 2011 Do. 01.Dez.11 20.00 Uhr Fr. 02.Dez.11 20.00 Uhr Gallus Theater |
Die Klassiker neu, im Gefieder aller Künste. MUSIKTHEATER 90 Minuten Die Inszenierung präsentiert mit Ödipus, Hamlet, Faust die drei zentralen Entwicklungsstadien in der Geschichte der Tragödie:
Im Dreierschritt von Ödipus über Hamlet bis Faust Das Ensemble 9. November zeigt im Frankfurter Gallus-Theater das Stück „Das Ende der Tragödie“. Inszeniert hat es Wilfried Fiebig. Im Zentrum steht Kunst am Körper. Von Michael Hierholzer Zwei Schauspielerinnen. Ein Ding. Dazu ein Saxophonspieler und eine Mezzosopranistin. Sie lassen in knapp 90 Minuten „Das Ende der Tragödie“ aufleuchten, geben ihm einen Sound‚ fassen es in Bilder. So heißt ein Abend des Ensembles 9. November im Frankfurter Gallus-Theater, und da der Regisseur Wilfried Fiebig ist, wäre es sehr verwunderlich, wenn er den Titel nicht in Anlehnung an die These seines Hausgotts Hegel vom Ende der Kunst gewählt hätte. So zeigt die Inszenierung die Verfallsgeschichte der Tragödie von der archaischen Wucht des antiken Mythos bis zum Konflikt des Bürgers mit den von ihm selbst geschaffenen Konventionen, von der Strenge eines als unausweichlich befundenen Schicksals bis zum teilweise komisch anmutenden Spiel mit den moralischen Vorstellungen eines offenbar noch nicht gänzlich aufgeklärten Zeitalters. Von Odipus bis Faust. Dazwischen geht es um Hamlet, der unschuldig schuldig wird und dessen Persönlichkeit in Kontrast- zur gewalttätigen frühneuzeitlichen Gesellschaft steht. Während sich die Tragödie in bürgerlicher Tändelei aufzulösen droht und ‚nur noch im Elend Gretchens momenthaft aufscheint, gewinnen andere Künste nach ihrem Ende anscheinend an Kraft. Ihrer von Hegel angenommenen Aufgabe, „die höchsten Bedürfnisse des Geistes“ zu befriedigen, ledig, entfalten sie eine ungeahnte Freiheit. Indem Fiebig das interesselose Wohlgefallen an den zweckfreien Formen und Farben befördert, wird er zum ästhetischen Kantianer. Juliane Fuhrmann und Simone Greiß, die ungemein präzise agieren und die Verse nicht eigentlich sprechen, sondern auf die Bühne stellen wie Gegenstände, sind in allen Haupt- und vielen Nebenrollen zu erleben. Die Texte von Sophokles, Shakespeare und Goethe wurden bis zum Äußersten verkürzt, wobei die geflügelten Worte Markierungen gleich hervorgehoben sind. Erzählt wird hier nicht, vielmehr Text ausgebreitet, und die Musik von Bastian Fiebig, der auch das Saxophon spielt, sorgt mit ihren Klangteppichelementen und cineastisch wirkenden Effekten zusätzlich für den Eindruck stetig wechselnder Konstellationen, Zustandsbeschreibungen, Tableaux. Gabriele Zimmermann singt, als wolle sie das Publikmn in höhere Sphären entführen, aber dies ist eine von zahlreichen ironischen Pointen dieses Programms, denn es geht äußerst irdisch zu in diesen Liedern. Etwa wenn Fausts Ausflug zu den Hexen mit ihren derb erotischen Anspielungen zitiert wird. Dieses Theater ist Performance, ‘Revue, Installation in einem. Wesentliches Moment ist jedoch die Kunst am Körper aus Fiebigs Werkstatt, jene widerständigen und stacheligen, scharfen und spitzen, bunten und aus unterschiedlichen Materialien wie Textilien, Plexiglas oder Metallstäben zusammengebauten, beweglichen und transparenten, starren und elastischen Objekte. Der Mensch schleppt einiges mit sich herum, das ihn beschwert, seinen aufrechten Gang behindert, ihn zu ungewollten Posen zwingt. Den Dingen kann er nicht entkommen. Sie drängen sich ihm auf, verlangen wahrgenommen, bedient, genutzt zu werden. Womöglich gelingt es ihm, sie sich in einer Weise anzueignen, dass sie zu einer zweiten Haut werden. Zur Kunst. Diesen Vorgang beschreibt Fiebig. Das „Ding“, als das er selbst auftritt, ist letztlich doch ein Mensch, der von der Last der gegenständlichen Wirklichkeit gezeichnet ist, sich dieser aber auch anverwandelt. Dass die Tücke des Objekts für eine spezifische Komik sorgt, liegt in der Natur der Sache. Ein kompakter Abend. Der mit Überraschungen, die alle Sinne ansprechen, nicht geizt. Michael Hierholzer (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29/10/2011) | |||
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PREMIERE: |
„TRILOGIE DES WAHNSINNS |
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![]() Fotos: Sabine Lippert
![]() ![]() Fotos: Jörg Langhorst PREMIERE: Do. 31. März 2011 20:00 Uhr WEITERE Fr. 1. April 2011 20:00 Uhr Sa. 2. April 2011 20:00 Uhr So. 3. April 2011 20:00 Uhr Mi. 6. April 2011 20:00 Uhr Do. 7. April 2011 20:00 Uhr Fr. 8. April 2011 20:00 Uhr Fr. 13. Mai 2011 20:00 Uhr Gallus Theater |
Film und Musiktheater nach Geschichten von Daniil Charms (Film) Kurzgeschichten aus der Sammlung ‚Gute Knochen‘ von Margaret Atwood ‚Bombenfrau‘ von Ivana Sajko, Verlag der Autoren FFM (Theater) TEIL I Film Gespielt vom „Ensemble 9.November“ (Regie Helen Körte) nach zwei Kurzgeschichten von Daniil Charms: „Schmutzige Persönlichkeit“ und „Schicksal der Frau eines Professors“. Charms war ein Vorreiter des Russischen Surrealismus/Dadaismus, ein Satiriker jüdischer Herkunft, dessen Texte erst Jahrzehnte nach seinem Tod bekannt wurden. Er gehört zu den in der Sowjetunion verfolgten Schriftstellern und starb 1941. Charms vergaß in seinen Erzählungen nie das Lachen und wir werden es auch in diesem Film nicht vergessen. Seine skurrilen, wahnwitzigen Plots zelebrieren den Unsinn als Lebensform, stets getragen von einer tragikomischen Komponente, die chaplinesk anmutet. Daher überrascht es auch nicht, wenn eine Professorengattin zum Fisch mutiert. TEIL II Theater 4 Kurzgeschichten aus der Sammlung : „Gute Knochen“ von Margret Atwood. Darin schildert die „Grande Dame“ der kanadischen Lite- ratur die abstrusen Welten des Alltags, immer wieder lustvoll auf den Kopf gestellt. Mensch und Tier befinden sich in gemütlicher Nähe zueinander. Snapshots menschlichen Verhaltens, vertreten z.B. durch ein Hühnerkollektiv, Fledermäuse im Krieg, Backrezepte zur Herstellung eines Mannes. Und über allem schwebt die Carmina Burana. TEIL III Theater “BOMBENFRAU“ von Ivana Sajko (Verlag der Autoren FFM) Sajko ist eine Autorin und Regisseurin aus Zagreb, Kroatien. Die Protagonistin des Stückes trägt eine Bombe unter Ihrem Herzen. Die Autorin, auf der Bühne wiederholt präsent, beobachtet und interpretiert die Bombenfrau , ihren unaufhörlichen Spagat zwischen Leben und Tod . Allerlei illustre Personen, Masken des Alltags, bevölkern im fliegenden Wechsel die Szenerie, Agenten, seltsame Götter, sie alle sind Zeugen dieses eindringlichen Geschehens. Mit Jazz, Pop, Rock und Purcell, erhält die Trilogie des Wahnsinns eine weitere eigene musikalische Dimension. Regie (Theater + Film): Helen Körte Komposition (Theater): Martin Lejeune Komposition (Film): Elvira Plenar Film (Kamera / Schnitt): Jörg Langhorst Bühne und Objekte: Wilfried Fiebig Kostüme: Margarete Berghoff Assistenz: Miriam de Leuw Darsteller/Innen: Jens Böke Miriam de Leuw Wilfried Fiebig Willi Forwick Ruth Klapperich Elvira Plenar Verena Specht-Ronique Claudio Vilardo Gesang: Dzuna Kalnina Verena Specht-Ronique Musik: Jens Hunstein Martin Lejeune (Theater) Elvira Plenar (Film) Licht:
„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“ www.e9n.de Pressestimmen: Fritz, 5.2011: Trilogie des Wahnsinns Wer bisher Zweifel hegte, ob Theater als Kunst begriffen werden darf, der solle dem Ensemble 9. November im Gallustheater einen Besuch abstatten: Mit ihrer "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke" präsentieren die Akteure eine abwechslungsreiche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen, aber auch ganz alltäglichen Problemen, bei der sie sich vielfältiger Kunstformen bedienen; den Auftakt machen zwei skurrile Kurzfilme, gefolgt von vier modernen Kurzgeschichten, bei denen nicht nur Hühner und Fledermäuse das menschliche Tun karikieren. Begleitet werden die Szenen sowohl vom hoch qualitativen Gesang der Schauspieler als auch von den Klängen zweier multitalentierter Musiker. Abgerundet wird der Abend durch das Stück "Bombenfrau", das nach den überwiegend heiteren Vorgängern überraschend nachdenklich die letzten Minuten einer Selbstmordattentäterin beschreibt: Ein wahrlich sinnliches Vergnügen. von Anna Krüger Strandgut 5/2011: Henne auf Abwegen Ein Huhn, das ein Weizenkorn findet: Das ist der gelebte Alltag im Gehege. Es pickt und schluckt und legt sein Ei. Sollte es aber, wie die rote Henne, auf die Idee kommen, unter Freßverzicht seinen Fund anzulegen und am Ende in Brot zu verwandeln, so gerät das Hühnerleben aus dem Hühnertrott und nicht nur die Hackordnung, sondern die gesamte Tierwelt aus den Fugen. Jedenfalls in Margaret Atwoods hahnfreier Parabel und so, wie sie Helen Körte für das Ensemble 9. November im Gallus-Theater projiziert. Die Kurzgeschichte hat die Regisseurin schon in den 90ern in einem abendfüllenden Atwood-Programm gezeigt und als einziges der vier Stücke der Kanadierin unverändert übernommen, weil’s ja auch der absolute Publikumsliebling war. Die Transportrollen, auf denen die Hühner-WG einfährt, ihre Kaffeesack-Kostüme: alles ist von damals. Und alles ist auch wie damals: begeisternd. Eine Perle, für die das E9N einmal mehr sämtliche Kunstregister zieht: von der Livemusik (Martin Lejeune, Jens Hunstein) mit Gesang (Dzuna Kalnina) bis zu Kostümen (Margarete Berghoff) und Ausstattung (Wilfried Fiebig). Die Henne auf Abwegen eröffnet den theatralischen Teil der Stückerevue »Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke«, die der chaplinesk verstummfilmte russische Dadaist Daniil Charms als Vorspann und die Kroatin Ivana Sajko mit der »Bombenfrau« komplettieren. Die letzten zwölf Minuten und 46 Sekunden einer Selbstmordattentäterin im Dialog mit sich und ihrer Schöpferin haben’s buchstäblich in sich. In Gebärmutternähe! Wie aus dieser knappen Restviertelstunde des Lebens eine Stunde wird, das hat am Ende dank des großen Spiels des von Verena Specht-Ronique dominierten Ensembles (Jens Böke, Ruth Klapperich, Claudio Vilardo) keiner gemerkt. Ein wahnwitziger Abend. Termine: 13. und 15. Mai 20 Uhr Strandgut 5/2011 Frankfurter Neue Presse vom 04. April 2011 Von Joachim Schreiner: Mit einer Bombe unterm Herzen Das «Ensemble 9. November» zeigt sein neues Stück «Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke» im Frankfurter Gallus-Theater. Die freie Theatergruppe «E9N» ist bekannt für ihr experimentelles Raumtheater und auch für die ungewöhnliche Verbindung von Film, Theater, Musik, Gesang und Sprache. Diese Mittel gehen auch bei «Trilogie des Wahnsinns» eine gelungene Symbiose ein. Bevorzugt werden dabei Prosatexte für die Bühne bearbeitet. So auch im ersten Teil des Abends, der auf Margaret Atwoods Erzählung «Good Bones», hier als «Gute Knochen» bekannt geworden, zurückgeht. Sechs Darsteller, die sich mitunter auf Rollwägelchen durch den Raum bewegen, setzen Atwoods Themen wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Literatur mit viel Fantasie um. Der wunderbar ironische, satirische Stil der Kanadierin wird dabei unter Verwendung von Livemusik und gesungenen Passagen aus Orffs berühmter «Carmina Burana» szenisch stimmig umgesetzt. Das sind zum Teil schon kleine Choreografien, die unter der Regie von Helen Körte kunstvoll und auch sinnlich auf die Bühne gebracht werden. Teil zwei der Trilogie ist eine Verfilmung von zwei absurden Kurzgeschichten von Daniil Charms, ein 1905 in St. Petersburg geborener, in der Sowjetunion verfolgter Schriftsteller, der bereits 1942 starb. Der auch dem Dadaismus verpflichtete Dichter, dessen Schriften erst posthum veröffentlicht wurden, erzählt hier von skurrilen Begebenheiten von Menschen, die in einer totalitären Gesellschaft überleben müssen. Der Experimentalfilm mit heiter-ironischem Grundton, mit Schauspielern des Ensembles gedreht, überzeugt in seiner expressiven Sprache und einer suggestiven Bildästhetik. Auch hier gelang Körte eine spannende Arbeit mit einer ganz eigenen, individuellen künstlerischen Handschrift. Eindeutig die Arbeit mit der politischsten Aussage des Abends war Teil drei, die szenische Übersetzung der Erzählung «Bombenfrau» von Ivana Sajko, einer hierzulande kaum bekannten kroatischen Autorin, die ihre Protagonistin eine Bombe unter dem Herz tragen, sozusagen als lebende Zeitbombe durch die Welt gehen lässt. Diverse eigenwillige Personen bevölkern hier im fließenden Wechsel die Szenerie. Eine starke Ensembleleistung prägt auch diese Inszenierung mit sehr originellen Kostümen und Objekten. Ein nachdrücklicher Abend mit Performance-artigem Theater für alle Sinne, umgesetzt von den Schauspielern Jens Böke, Wilfried Fiebig, Willi Forwick, Ruth Klapperich, Verena Specht-Ronique, Claudio Vilardo und den Musikern Martin Lejeune, Elvira Plenar und Jens Hunstein. Joachim Schreiner Frankfurter Rundschau vom 4.4.2011 Von Stefan Michalzik: Heitere Kunst Helen Körte rührt eine ,,Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke"im Gallus-Theater an. Mit der Zeit fragt man sich, wie es sein kann, dass eine solche Fülle von Bildern in einen Theaterabend passt, ohne dass er unter der schieren Last ihrer Menge zusammenbricht. Das FrankfurterEnsemble 9. November, 1988 gegründet von Regisseurin Helen Körte und dem von der Bildenden Kunst kommenden Wilfried Fiebig, hat von Anbeginn aus einer Verbindung von Theater, Musik, Tanz und skulpturalen Objekten opulente Entwürfe geschöpft. Diesmal freilich scheint man sich selber übertreffen zu wollen. Texte dreier Autoren hat Helen Körte zu dem dreistündigen Abend gefügt, der unter demTitel ,,Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke" im Gallus-Theaterher ausgekommen ist.Zu Beginn zeigt eine von vier Kurzgeschichten aus dem Band ,,GuteKnochen" von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood auf der possierlichen Projektionsfläche eines Hühnerhofs der MenschenGemeinschaft mit all ihren Schrullen, und eine schnittige Damentrias in Trenchcoats - Kostüme: Margarete Berghoff - backt sich einenMann aus Marzipan, Rosinen und anderlei einschlägigen Zutaten. Fürzwei Erzählungen des russischen Schriftstellers Daniil Charms hatKörte die seinen in der Nähe des Futurismus und des Konstruktivismus stehenden absurden Texten gemäße Form einer mehr oder weniger stummen Filmgroteske mit Musik von Elvira Plenar gefunden. Der letzte, der auf die Kroatin Ivana Sajko zurückgehenden Erzählung ,,Bombenfrau" geltende Teil, in dem es um die letzten 12 Minuten und 46 vor dem Tod geht, setzt einenKontrapunkt zu all der vorher gesehenen Narretei, indes auch mitHumor und leichter Hand.So viel der Bilder auch sein mag, steht auf der anderen Seite eineReduktion, etwa was den mit kaum mehr als einigen Metallplatten ausgestatteten Raum anlangt. Das zu einem Gutteil neu besetzteEnsemble - im Kern: Verena Specht-Ronique, die von derKammeroper bekannte, endlich einmal nicht in ein Rollenklischee gezwängte Altistin Dzuna Kalnina, Ruth Klapperich, Jens Böke und Claudio Vilardo - erweist sich als enorm frisch und das multiinstrumentalistisch agierende Duo um den Komponisten und Gitarristen Martin Lejeune und den Akkordeonisten Jens Hunstein changiert musikantisch vom Barock bis zum Rhythm'n'Blues. Die Kunst ist beim Ensemble 9. November noch im klassischen Sinne eine heitere. Nicht ohne Tiefe, aber leichtfüßig. Der Ansatz wirkt so konservativ wie modernistisch. Stefan Michalzik Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2011, Nr. 78, S. 51 Von Eva-Maria Magel: Engelin der Selbstmörder Ensemble 9. November mit einer Trilogie im Gallus Theater "Musiktheater" steht unter der jüngsten Arbeit des Frankfurter Ensembles 9. November. Eine Oper darf man sich darunter nicht vorstellen, eher Theaterszenen und einen Film mit Musik, aber es gibt viel auf die Ohren in der "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke": Am rechten Rand der Spielfläche im Frankfurter Gallus Theater sitzt der aus vielen theatralischen und musikalischen Kontexten der Stadt bekannte Martin Lejeune an der Gitarre, versiert wie je kommentiert und konterkariert, begleitet und hebt er mit seinen Kompositionen und Arrangements das, was auf der Bühne zu sehen ist, während Jens Hunstein eine staunenswerte Vielfalt von Instrumenten bedient. Nur die Harfe nicht - die bleibt einem der Engel vorbehalten, die auf Rollen dahergleiten. Die Harfe allerdings bleibt stumm, die Engelin, aus der Kategorie der gefallenen Engel, ist die Engelin der Selbstmörder, folglich ist sie wohl weniger gefallen denn gesprungen, und das passt zur "Trilogie des Wahnsinns auf halber Strecke", deren Regie Helen Körte führte. Denn Eros und Thanatos, Liebe und Tod und vor allem das Weibliche sind, wenn man denn danach suchen wollte, die roten Fäden in dem mit drei Stunden sehr reichlich bemessenen Abend. Die ersten beiden Teile, auf der Bühne und im Videofilm, sind ein bunter, oftmals blutrot leuchtender Szenenreigen mit nur losen Zusammenhängen, der als eine Art Literatur-Varieté auf Texten zweier großer Autoren beruht und deren skurrile Geschichten hervorkehrt. Vier Kurzgeschichten von Margret Atwood liegen den Szenen des ersten Teils zugrunde, unter anderem jene berühmten Rezepte zur Herstellung eines Mannes, die Pfefferkuchen der traditionellen Lehm-Form-Methode vorziehen. Zwei von Daniil Charms' skurrilen Geschichten erzählt Körte dann mit dem ganzen großen Ensemble 9. November und seinen Satelliten als Stummfilm-Persiflage mit Musik (Elvira Plenar) im Mittelteil: Das Russland von Charms' verdrehten Figuren, die schwül-reife Erotik des mordenden Damenwäscheschneiders spielen an Schauplätzen in Frankfurt und Umgebung, was komische Kontraste erzeugt. Aus dem bunten Reigen heraus ragt der dritte Teil des Abends, "Bombenfrau", ein Einakter von Ivana Sajko. Der Text, für die Bühne geschrieben, entwickelt an sich schon eine Kraft, der auch so mancher Versuch des Poetisierens und spielerischen Aufbereitens des Ensembles 9. November nicht das Schockhafte, Verstörende, nimmt. Verena Specht-Ronique spielt die junge Selbstmordattentäterin, die mit einer Bombe am, im Leib in einer Menschenmenge auf einen Politiker wartet. Ihr Leben lässt sie in den 12 Minuten und 36 Sekunden Revue passieren, was wiederum eine Gelegenheit für rasch wechselnde Szenen ist und für die Frage, ob diese junge Frau denn wirklich sterben will. Hier kommen, präziser noch dosiert als zu Anfang, die schönen Kostüme (Margarete Berghoff) und vor allem die Objekte und Skulpturen zur Geltung, die Wilfried Fiebig gebaut hat: Ob Engelsflügel aus Pappröhren oder aus Sperrholz gesägte Tierskelette - Fiebigs Bühnenkonstruktion mit einem metallenen Baum für Fledermäuse, seine bizarren Skulpturen und kuriosen Spielobjekte sind als Bindeglied und Symbole eingehender Betrachtung wert. Eva-Maria Magel | |||
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WIEDERAUFNAHME: |
„FRAU IM MOND UND ANDERE LIEBHABER“ |
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Wiederaufnahme Februar 2011 Do. 10.2.2011 20 Uhr Fr. 11.2.2011 20 Uhr Sa. 12.2.2011 Uhr Gallus Theater Gastspiel in Wien März 2011Do. 3.3.2011 20 Uhr Fr. 4.3.2011 20 Uhr Sa. 5.3.2011 20 Uhr KosmosTheater |
Die Inszenierung, unter dem Titel "Frau im Mond + andere Liebhaber", entwirft eine gesamtkünstlerische Interpretation von 4 Erzählungen 4 deutschsprachiger Autorinnen, wobei jede der Erzählungen ihren eigenen Auftritt erhält:
KONZEPTION, DRAMATURGIE, REGIE: Helen Körte KOMPOSITION, MUSIKAL. LEITUNG: Martin Lejeune SCHAUSPIELER/INNEN: Ruth Klapperich, Margie King, Verena Specht-Ronique, Willi Forwick, Claudio Villardo, Fernando Fernandez. MUSIKER: Martin Lejeune, Jens Hunstein, Peter Kölsch BÜHNE, OBJEKTE: Wilfried Fiebig KOSTÜME: Margarete Berghoff FILME: Sebastian Schnabel, Tanja Herzen (HFG) PROJEKTION: Jörg Langhorst, Wilfried Fiebig LICHTDESIGN: Oliver Heyde FOTOGRAPHIE: Sabine Lippert
„ENSEMBLE 9. NOVEMBER“ www.e9n.de | |||
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PREMIERE: |
„SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS“ |
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WEITERE AUFFÜHRUNGEN: Oktober 2010 Sa. 9.10. 20 Uhr So. 10.10. 20 Uhr Di. 12.10. 20 Uhr Do. 14.10. 20 Uhr Fr. 15.10. 20 Uhr Sa. 16.10. 20 Uhr November und Dezember Mo. 29.11. 9 Uhr, 11 Uhr Di. 30.11. 9 Uhr, 11 Uhr Mi. 1.12. 9 Uhr, 11 Uhr Do. 2.12. 9 Uhr, 11 Uhr Fr. 3.12. 9 Uhr, 11 Uhr So. 5.12. 15 Uhr Mo. 13.12. 9 Uhr, 11 Uhr Di. 14.12. 9 Uhr, 11 Uhr Mi. 15.12. 9 Uhr, 11 Uhr Do. 16.12. 9 Uhr, 11 Uhr Fr. 17.12. 9 Uhr, 11 Uhr, 20 Uhr Sa. 18.12. 15 Uhr, 20 Uhr So. 19.12. 15 Uhr, 20 Uhr Mi. 22.12. 15 Uhr Do. 23.12. 15 Uhr Vormittagsvorstellungen nur mit Voranmeldung. Gallus Theater |
Vom abenteuerlichen Leben des Findelkindes Simplicius Simplicissimus im Spessart des dreißigjährigen Krieges, erzählt das musik-theatralische Gesamtkunstwerk , inszeniert vom „Ensemble 9. November“. An die Stelle von Buchillustrationen, wie z.B. die vorzüglichen Stiche Jacques Callots zum dreißigjährigen Krieg, lassen der überwältigende Reichtum an Bildern, Lifemusik und komödiantischem Spiel, die barocke Fülle der Epoche vor allen unseren Sinnen auferstehen . Nicht zuletzt bildet diese, alle Künste und ihre Talente lebendig nahe bringende Inszenierung, eine echte Alternative zur digitalen Erlebniswelt. Als roter Faden durchwirkt das abenteuerliche Leben des Simplicius in Stationen und Episoden das mit ihnen voranschreitende Spiel. Sein Lebensweg vom Hirten auf der Lichtung im Wald , zum Kalbs-Narren in der Schlossfestung zu Hanau , zum grünen Jäger von Soest, die fortwährende Neudefinition seines Selbst, als Teil einer zerrütteten kriegsmüden Gesellschaft, und endlich als Einsiedler,lassen seinen draufgängerischen Lebensstil im historischen Kontext des Dreißigjährigen Kriegs fast mustergültig erscheinen. Von Erlebnis zu Erlebnis, nach dem Motto `Fortsetzung folgt´, zeichnet die Inszenierung markante Phasen im Leben des Helden und verweist dabei zugleich auf seinen, in Buchform nachlesbaren, ausführlicheren Lebensbericht. Der hierfür von der autobiographischen Erzählsprache in spielbare Handlungssprache umdramatisierte Text, entstammt der neuen, vom Eichborn Verlag herausgegebenen, Fassung Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Schelmenroman `Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch´ in der Übersetzung aus dem Deutschen des 17.Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Das Frankfurter „Ensemble 9. November“ (E9N), geleitet von Helen Körte und Wilfried Fiebig, führt dies im Gallus Theater »für Menschen von 6 bis 96 Jahren« auf. ... als gattungsübergreifendes Spiel für alle. Mit, wie bei dieser Truppe üblich, Tanz, Musik, Gesang, und bildender Kunst.“ Es gibt wohl keine Gruppe in der freien Theaterszene Frankfurts, in der diese eine so entscheidende Rolle spielt wie bei diesem Ensemble, das nicht einfach ein Bühnenbild und Kostüme anfertigt, sondern komplexe bildhauerische Werke und eine spezifische Körperkunst, die sich im Wechselspiel von Formen sowie Materialien mit den menschlichen Bewegungen entfaltet.« (FNP) Regie und Dramaturgie: Wilfried Fiebig Spielerische Interventionen: Helen Körte Darsteller/innen: Jens Böke Simone Greiß Ruth Klapperich Claudio Vilardo Gesang (Mezzo): Gabriele Zimmermann Musik: Claudia Hornbach (Akkordeon) Musikalische Konzeption, Bühne/Objekte, Kostüme: Wilfried Fiebig Mit freundlicher Unterstützung: Eichbornverlag FFM, Kulturamt Frankfurt/M, Jugend- und Sozialamt Frankfurt/M, Hochschule für Gestaltung Offenbach/M „ENSEMBLE 9. NOVEMBER“ www.e9n.de Pressestimmen: Frankfurter Allgemeine, 12.10.2010: ![]() Das Leben, ein Narrenspiel. Nein, nicht wirklich. Der Ernst schaut allenthalben um die Ecken und durch die Ritzen, am Widerstand des Wirklichen prallt aller Spaß ab, und keiner spürt die Härte der tückischen Objekte so sehr wie der Komödiant. So bringt das "Ensemble 9. November" gewiss ein groteskes Spektakel auf die Bühne des Frankfurter Gallus-Theaters (Kleyerstraße 15), aber eines, dessen Personen gefangen, verfangen, verkeilt, verborgen sind in Gestellen und Gestängen, unter doppelten, dreifachen, vierfachen Häuten, Rüstungen, Zurichtungen. Wie eine Dornenkrone sitzt dem barocken Titelantihelden (Claudio Vilardo) der metallene Hut auf dem Kopf, und die beiden Frauen (Simone Greiß und Ruth Klapperich), die für die höfische Gesellschaft, für die Armee, für die Menschheit im Ganzen stehen, können gelegentlich nicht anders, als gemeinsam und wohlkoordiniert im Tippelschritt zu gehen, weil sie eingeengt, eingeschlossen, ummantelt sind von schweren pelzigen Textilien mit langen klirrenden, transparenten Anhängseln. Jens Böke wirkt etwa als Einsiedel mit einer Kutte voller Bänder oder als Governeur mit ausladendem gefalteten Kopfschmuck wie ein Opfer von Konventionen. |
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Wiederaufnahme: |
„TANZ DER HEUSCHRECKEN“ |
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PREMIERE: Do. 18. MÄRZ 2010 20:00 UHR WEITERE AUFFÜHRUNGEN: Fr. 19. März Sa. 20. März So. 21. März Do. 25. März Fr. 26. März Sa. 27. März Jeweils 20.00 Uhr
WIEDERAUFNAHME IN MAI : Wiederaufnahme: Do. 04. November Fr. 05. November Sa. 06. November Jeweils 20.00 Uhr Gallus Theater |
Inhalt: Anlaß ist ein, ins Groteske gesteigertes, Vorstandstreffen, das Meeting. Über allen Köpfen kreist das Damoklesschwert der Kündigung. Leicht angelehnt an Dantes Inferno (Göttliche Komödie) : Vorhölle , Fegefeuer , Paradies, werden in zehn inneren Monologen, die Leiden der Teilnehmer nach außen gekehrt. Das „Ensemble 9. November“ vereint, in seiner gesamtkünstlerischen Arbeitsweise, Spiel, Musik, Gesang, Tanz und bildende Kunst, in einer alles umfassenden Bühnen- Sprache. REGIE: Helen Körte Mit freundlicher Unterstützung: www.e9n.de PRESSESTIMMEN Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.3.2010 Lustig ist das Insektenleben Es sei denn, man hüpft in die Falle: Das Frankfurter Gallus-Theater zeigt „Tanz der Heuschrecken“ Heuschrecken - allerliebste Tiere, wenn sie auf Sommerwiesen herumhüpfen. An diese harmlosen Vertreter der Ordnung Ensifera und Caelifera hat der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering gewiss nicht gedacht, als er vor fünf Jahren Hedgefonds und ähnliche Raffgier-Vereinigungen als Heuschreckenplage bezeichnete. Ihm vor Augen standen vielmehr die gefräßigen Schwärme der Wanderheuschrecken, welche von Region zu Region wandern und eine ratzekahl gefressene Vegetation zurücklassen. Im Frankfurter Gallus-Theater, also noch in Sichtweite der Kapitalhüpfer in den Banktürmen, springt jetzt ein Einsatzkommando solcher Müntefering-Heuschrecken herum. Der Einfall auf die Bühne, den Oberschrecke Rorty, Vorstandsvorsitzender eines multinationalen Unternehmens, und seine durch Umstrukturierungspläne verschreckten Unterschrecken vornehmen, verdankt sich dem Einfallsreichtum der Regisseurin Helen Körte. Sie hat unter dem Titel „Tanz der Heuschrecken“ den Roman „Und morgen bin ich dran - Das Meeting“ des französischen Autors Laurent Quintreau, im wahren Leben Artdirector eines Pariser Werbeunternehmens, zu einem Theaterstück verwandelt, das die geheimen Gedanken der Manager ausspricht: In Worten, Bildern, Farben, Skulpturen, Songs, Tanzfiguren, Film und Musik. So also, wie es Körte in ihrem unverwechselbaren multimedialen Stil seit vielen Jahren macht. Wirtschaftsheuschrecken – dies lernt man aus dem Stück – fressen im Gegensatz zu Wanderheuschrecken nicht nur Länder kahl, sie fallen auch übereinander her und zerstören in ihrer Fixiertheit auf die Steigerung der Gewinnmargen oder die Reduzierung der Lohnkosten ihr eigenes Inneres, ihre Identität und Menschenwürde. Sie mutieren zu Schrumpfpersönlichkeiten, zu insektenhaften Wesen, gesteuert von ihrer Triebstruktur: von Gehässigkeit, Eifersucht, Geilheit, Größenwahn und Frustration. Alle sitzen sie in diesem Stück in der Falle, am Ende auch der skrupellose Rorty, dessen Darsteller Willi Forwick mit seinen unter die Füße geschnallten Prothesen tatsächlich einer Heuschrecke ähnelt. Doch vorerst thront der Konzernchef auf einem hölzernen Herrscherstuhl und tyrannisiert seine Manager, die in ihre von Bühnenbildner Wilfried Fiebig skulptural einfallsreich gestalteten Schreibtisch-Gefängnisse eingezwängt sind (Hanna Linde, Verena Specht-Ronique, Mirjam Tertilt, Claudio Vilardo, Jens Böke). Ihr Fluchtweg vor Leistungszwang und Furcht vor Jobverlust führen diese Damen und Herren in den Tagtraum. Hier führen sie einen inneren Monolog, der immer wieder zu einer Suade gegen den Chef, die Kollegen und gegen sich selbst ausartet. „Tanz der Heuschrecken“ ist weit entfernt vom Agitationstheater, das zum Sprengen der Ketten aufruft. Die musikalische Groteske verbildlicht vielmehr die innere Hölle von Menschen-Insekten, die durch den Druck der Konkurrenzverhältnisse ihr Ich verloren haben. In zehn Bildern breitet Körte die Höllenfahrt der Manager aus, manche der Bilder prägen sich nachhaltig ein. Schade, dass Franz Müntefering die Inszenierung nicht sehen wird. Der alte Heuschrecken-Fachmann könnte im Gallus-Theater auf seinem Spezialgebiet etwas dazulernen. HANS RIEBSAMEN Feuilleton Frankfurter Rundschau 22.3.2010 Das Gestell der Moderne In „Tanz der Heuschrecken...“ entdeckt das Ensemble 9. November die Ausweglosigkeit der Krise Es beginnt wie ein Standard-Statement zum Gewinn-Hype der Gegenwart: Ein bisschen flach die Sache mit den Heuschrecken, wie damals in „Jud Süß“, wo die Sprung-Insekten bereits als Schlagwort für das zerstörerische Finanzjudenkapital herhalten mussten (komisch, dass das heutzutage niemanden stört). Aber für das Ensemble 9. November ist ein stereotypischer Kern immer nur der Anlass, die Ober- und Untertöne eines Schlagworts, die Macht der Schwingungen und Strömungen in den einzelnen Akteuren, ihren Körpern, ihren Stimmen und ihren Gesten zu aktivieren. Und wie immer, so auch jetzt wieder, beim „Tanz der Heuschrecken“ im Gallus Theater ist, ein großer Pluspunkt die Verlängerung der Interaktion der Spieler in ihre szenischen Prothesen hinein, die Wilfried Fiebig entworfen hat: Gestänge, Schnüre-Konstruktionen, Gerätschaften und Stuhl-Skulpturen, die die börsennotierten und gewinnorientierten Manager- Akteure auf Trab und im Griff halten. Man bewegt sich buchstäblich im Gestell der Moderne mit ihrer edel-klassischen Stahlrohr-Ästhetik, die zwängt und stachelt, mal auf große Fahrt geht und die schönste, choreografierte Bühnenarchitektonik abgibt. Wünsche der Eingezwängten Der Purismus der Edel-Sachlichkeitsform und dazwischen die unabgegoltenen Wünsche der Eingezwängten: Der 2006 in Frankreich erschienene Roman „Marge brute“ von Laurent Quintreau ist die Grundlage der knapp zweistündigen Aufführung, die Helen Körte als multimediales Aktionstheater präsentiert. Im Verein mit der psychodramatischen Klangkulisse von Elvira Plenar und Martin Lejeune, mit den Fiebig-Objekten und Bildprojektionen, mit den Kostümen Margarete Berghoffs und dem Licht Sebastian Schackerts ein Gesamtkunstwerk, das immer mehr Facetten zeigt. Ein hübscher Tanz mit hervorragenden Schauspielern (stellvertretend: Willi Forwick) und exzellenten Songs am Abgrund, an dem sich das Verstricktsein in den vibrierenden Maschen der Regelkreise sowohl in den Menschen selbst als auch zwischen ihnen ausdrückt. Keiner, ob oben oder unten, kann entkommen, das Gestell ist allmächtig und über den gestellten Menschen-Insekten könnten sich an diesem Abend Adorno, Foucault und Heidegger die Hände reichen. BERNHARD USKE STRANDGUT, Das Kulturmagazin Mai 2010 Gallus Theater TANZ DER HEUSCHRECKEN: Kretins wie wir. Manager sind auch nur Menschen. Selbst jene, die Politiker gerne als eine die ach so soziale Marktwirtschaft pervertierende Plage denunzieren. Im Roman "Marge brut" seziert Laurent Quinceau die Spezies, indem er eine Vorstandssitzung aus der Sicht der Teilnehmer schildert. „Die geheimen Gedanken der Manager“ untertitelt E9N-Regisseurin Helen Körte das Stück, das sie daraus macht. In dem entpuppen sich die beruflichen Rollen schnell als bloße Fassade eingefleischter Ängste und Wünsche. Unter dem Druck von Krise und Konkurrenz verrenken sie sich, wie auf immer heißer werdenden Herdplatten. So kaputt der geile Pujol die fette Bremont oder Boss Rorty auch scheinen: Ihre Welt ist uns erschreckend vertraut. Alles Kretins – wie du und vielleicht auch ich. Körte inszeniert diese Innenwelten als Heuschreckentänze. Sechs Schauspieler sind in Käfig- korsette gezwängt, mit Telephonstrippen geknebelt und robote(r)n auf Geheiß im Takt, um dann traum- oder albtraumhaft aus ihren Rollen zu brechen. Ein Höhepunkt : Verena Specht-Ronique als verführerische Spinne im Netz. Das von den Musikern Elvira Plenar und Martin Lejeune untermalte Schauspiel mit Choreographien, Videos, Songs und skurrilen Geräten beansprucht all unsere Sinne – und vergnügt sie auch. Ästhetisch, geistreich und kritisch: Fürwahr ein Kunststück und vom Besten der Theatersaison. STRANDGUT, Das Kulturmagazin Mai 2010 |
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