englishE9N - ENSEMBLE 9. NOVEMBER

PREMIERE
Donnerstag, 3. November
2016

„WARUM DAS KIND
IN DER POLENTA KOCHT“
oder
„spricht Gott fremde Sprachen?“

 


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


November 2016

PREMIERE:
Donnerstag, 3. November, 20 Uhr

Freitag, 4. November 20 Uhr
Samstag, 5. November 20 Uhr
Sonntag, 6. November 18 Uhr

Donnerstag, 17. November 20 Uhr
Freitag, 18. November 20 Uhr
Samstag, 19. November 20 Uhr



Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 

Aus aktuellem Anlaß beschloß das „Ensemble 9. November“ in diesen schicksalhaften Zeiten, nach mehr als 12 Jahren eine Neubearbeitung des Stückes:
„WARUM DAS KIND IN DER POLENTA KOCHT“
„oder spricht Gott fremde Sprachen“

Nach dem Roman von Agla Veteranyi, einer rumänischen Autorin.
Der Roman wurde 1967 in Deutschland veröffentlicht.

Als Kind wächst sie, mit Schwester und Eltern, im Zirkusmilieu auf, flieht mit der Familie über Afrika und Süd-Amerika in den Westen.
Die Dramatisierung des Textes handelt von Flucht, Ankommen, Bleiben, Gehen, Wiederkommen und Überleben. Trauer, gepaart mit Humor und Leichtigkeit, begleiten die Hoffnung, das Schicksal des Heimatlosen zu besiegen , während die Mutter mit den Haaren in der Zirkuskuppel hängt, einer Zirkusattraktion, und die Schwester die imaginäre Geschichte erzählt von dem Kind, das in der Polenta kocht.

Die Neubearbeitung des Stückes, mit dem das Ensemble vor 12 Jahren Gast des Internationalen Theaterfestivals in Sibiu (Herrmannstadt) war, zeichnet eine zusätzliche Besonderheit aus. Zusammen mit den professionellen Schauspielerinnen, „drei famose Darstellerinnen“ (FAZ), vier vielseitigen Musikern (auf 13 Instrumenten), einem begnadeten Tänzer, zaubern fünf Kinder aus fünf Nationen, zwischen 11 und 13 Jahren, sowohl in ihrer eigenen- als auch in deutscher Sprache wunderbare kleine Szenen herbei.
Die Dramatisierung auf der Bühne wird primär aus der Sicht des Kindes, der Schwester und der Mutter erzählt.

„Gezeugt wurde ich in Krakau,
Geboren in Bukarest.
Die Hände meine Hebamme kamen aus Deutschland.
Mein Blinddarm blieb in der Tschechoslowakei,
Meine Mandeln landeten in Madrid.“
(Aglaja Veteranyi)

REGIE, DRAMATURGIE:
Helen Körte,

BÜHNE, OBJEKTE:
Wilfried Fiebg


DARSTELLER/INNEN:
(Spiel, Gesang und Tanz)
Raiija Siikavirta,
Hanna Linde,
Katrin Schyns
Damaso Mendez


VIER MUSIKER
(auf insgesamt vierzehn Instrumenten):
Martin Le Jeune:
e-Gitarre, Euphonium, Kontrabass, Mandoline.
Jens Hunstein:
Bass Klarinette, Bariton Querflöte, Picollo, Saxophon
Clara Holzapfel:
Geige, Akkordeon
Timo Neumann:
Schlagzeug, Percussion, Xylophon

KOMPOSITION:
Martin Le Jeune

DIE KINDER :
Hirsto Dimitrov
Erjon Muco
Noelle Dorn
Alara Ahmed
Natalyia


KOOPERATIONSPARTNER UND SPONSOREN:
MEHRGENERATIONEN HAUS Gallus Ffm.
Für Flüchtlinge und Immigranten (Kinder + Erw.)
FAZ - STIFTUNG
PETER USTINOV STIFTUNG

KULTURAMT FRANKFURT
HFG-OFFENBACH

www.gallustheater.de

PREMIERE
Mittwoch 27. April
2016

"Mein Freund Gulliver"
Dargestellt von den
Insassen des E9N

 


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


April 2016

PREMIERE: Mittwoch, 27. April 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 28. April 2016, 20 Uhr
Freitag, 29. April 2016, 20 Uhr

Mai 2016

Dienstag, 3. Mai 2016, 20 Uhr
Mittwoch, 4. Mai 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 5. Mai 2016, 20 Uhr
Freitag, 6. Mai 2016, 20 Uhr
Samstag , 7. Mai 2016, 20 Uhr







Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 


Wenn Insassen ausbrechen
Wo brechen sie hin ?

In die Kunst !

Und wo landen sie ?

In der Realität

Was machen sie dort ?
Das E9N !

Aus der Ferne wird alles klein

In der Nähe wird
Erschreckend groß

Sind Übertreibungen
In Klein und Groß
Für Kinder genug ?

Einbrecher stehlen
nur Bekanntes

Ausbrecher
Stehlen nur
Unbekanntes

Die Ausbrecher
Des E9N
Wissen noch nicht
Was ihnen
Gestohlen wird

Pferde können nicht
Lügen
Sie wissen nicht
Was nicht ist

 


Regie, Konzeption,
Dramaturgie

Dr. Wilfried Fiebig

Interventionen
Helen Körte

Schauspiel:
Venera Dik
Eric Lenke
Janine Karthaus
Kathrin Schyns

Unterstützt von:
Kulturamt
der Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach

www.gallustheater.de







Der Handel hat
Den Sturm ersetzt
Wer sind da die Piraten ?

Intriganten sagen,
daß grüne Scheiße
den Königsmörder verrät

Unsterblichkeit
Trägt einen schwarzen Fleck
Über dem linken Auge

Was erleben Reisende ?
Nichts Neues !

Reisende gestern
Kommen heute
Zurück
Als Flüchtlinge

Laut gestellt
Wird Lärm

Gullivers Undinge
Reisen bringen sie
Nach Hause

Das Meer ist nur voller
Wasser

Und die Stürme ?



PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 28.4.2016:

Gullivers Interventionen

Nur ein Jugendbuch? Das Ensemble 9. November macht aus Swifts Roman im Gallustheater in Frankfurt ein Gesamtkunstwerk und nennt es „Mein Freund Gulliver“.

Ein Wunder eigentlich, dass sich das Frankfurter Ensemble 9. November erst jetzt des Schriftstellers Jonathan Swift und seines bahnbrechenden Hauptwerks „Gullivers Reisen“ angenommen hat: Eines ungeachtet seiner eminenten Verwicklung in die Politik der Zeit unbeugsamen anglo-irischen Geistes und eines zwischen Satire, Reise- und utopischem Roman angesiedelten Buchs. In einem allzeit gültigen Skeptizismus ist es immens viel mehr als bloß die beliebte Jugendlektüre, als die es in beschnittener Fassung hierzulande populär wurde. „Mein Freund Gulliver“ hatte jetzt im Gallustheater Premiere. Im 28. Jahr bringt das Ensemble Arbeiten von einer eigensinnig speziellen und schon lange wohlbekannten Art auf die Bühne, die sich dann doch ein um das andere Mal wieder um einen bestimmten Kick unterscheiden. Kennzeichnend ist ein gesamtkunstwerklerischer Ansatz, an dem die eigenwillig bizarren skulpturalen Kunstobjekte von Wilfried Fiebig prägenden Anteil haben. Aus heutiger Sicht kann dieses literarisch-philosophisch orientierte und von einem aufklärerisch-humanistischen Impetus im Nachbeben der 68er-Bewegung getriebene Traditionsunternehmen der Freien Theaterszene in Frankfurt es für sich beanspruchen, der Welle von Romanadaptionen auf dem Theater deutscher Sprache voraus gewesen zu sein. Das Metronom tackert Die gleichsam hauseigene Opulenz ist diesmal von einer eher kargen Art. „Gespielt von den Insassen des Ensemble 9. November“ – dergestalt spielt der Untertitel (ansonsten folgenlos) auf Peter Weiss’ „Marat/Sade“ an. Vor allem bleiben in diesem musikalischen Theater – wohl ein Novum – diesmal die Musiker aus. Die Inszenierung von Fiebig, mit sogenannten „Interventionen“ seiner Gründungspartnerin Helen Körte, beginnt unter dem Tackern eines Metronoms in seinem gnadenlosen, das Vergehen von Zeit und damit Endlichkeit signalisierenden Gleichtakt. Mehrfach werden planvoll krude Überlagerungen mannigfacher Musiken zwischen Oper, Jazz, Vokalmusik der Renaissance und so fort eingeblendet. Mit Filmbildern aus früheren Inszenierungen erweist sich das Ensemble selbst Reverenz; als markant kantiger Vorleser tritt Fiebig einige Male persönlich in Erscheinung. Das Spielerquartett um Venera Dik, Janine Karthaus, Kathrin Schyns und Eric Lenke ist in der nach Art des Hauses episodisch strukturierten Folge von Szenen in einer bescheidenen Art tänzerisch gefordert. Fiebig und Körte machen einfach immer weiter mit ihren kunstvoll ausgeleuchteten und eine Eigenständigkeit gegenüber dem Text behauptenden Bildern. Ohne tiefgehende Überraschung in der Machart, immer noch aber mit einer gewissen Kraft der Findung.
Von STEFAN MICHALZIK


FAZ vom 29.4.2016:

Mechanik der Aufklärung: "Mein Freund Gulliver"

Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ gilt hierzulande als phantastische Kindergeschichte, ist aber tatsächlich ein satirischer Roman, der die wirklichen und vermeintlichen Errungenschaften seiner Zeit aufs Korn nimmt. Und auch die Reisefreudigkeit des englischen Individuums sowie den Expansionsdrang des britischen Empires. Zentrales Thema freilich ist die aufgeklärte'Epoche und die Kritik daran, gut 30 Jahre vor Voltaires „Candide“, der in die gleiche Kerbe schlug. Das Unbehagen an der Au?därung ist seither nicht mehr geschwunden und artikulierte sich zumal im 20. Jahrhundert bei Meisterdenkern, die seinerzeit als Widersacher galten, sich aber in ihrer Kritik der instrumentellen Vernunft sehr nahestanden, Adorno und Heidegger. Die Apparate, die Mechanismen, die Vorrichtungen, mit denen sich die Menschen abplagen müssen, seit Technik und Wissenschaften sich der Lebenswelt bemächtigt haben, werden in dem Stück „Mein Freund Gulliver“, dargestellt, wie es heißt, von „den Insassen des Ensemble 9. November“, auf der Bühne des Frankfurter Gallus-Theaters zur künstlerischen Realität. Inszenator Wilfried Fiebig hat wieder einmal einen Fundus an Objekten geschaffen, mit denen die Darsteller umgehen, in die sie sich einfügen, denen sie unterworfen sind. Seine gestalterische Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Die Dinge, die sich den Körpern aufdrängen und sie zu dominieren versuchen, passen tref?ich zu dem Stoff, aus dem die Aufklärungskritik ist. Schon die erste Szene lässt die Ambivalenz einer rein rationalen Weltaneignung deutlich werden: Eric Lenke, der mit ungemeiner Spielfreude zu Werke geht, bedient sich eines Konstrukts aus vielerlei Stäben, das ihn gleichermaßen stützt wie behindert: Segen und Fluch der Moderne. Wer eine Personenentwicklung oder überhaupt einen dramatischen Ansatz erwartet, dürfte enttäuscht werden, aber es ist Fiebig gelungen, eine Montage einzelner Szenen herzustellen, von denen jede Uberraschungsmomente, absurde Pointen und groteske Situationen bereithält. Immer neue Objekte lassen das Bühnengeschehen zu einer Abfolge von Bildern werden und formen vermischte Gedanken, nicht nur solche von Swift, zur Kunst.
(zer.)



PREMIERE
Mittwoch 14. Oktober
2015

"Tagebuch eines Wahnsinnigen"
Nach Nikolai Gogol









Fotografie:
Sabine Lippert









Filmstills:
Jörg Langhorst

ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


Oktober 2015

PREMIERE: Mittwoch, 14. Oktober 2015, 20 Uhr
Donnerstag, 15. Oktober 2015, 20 Uhr
Freitag, 16. Oktober 2015, 20 Uhr
Samstag, 17. Oktober 2015, 20 Uhr

November 2015

Mittwoch, 4. November 2015, 20 Uhr
Donnerstag, 5. November 2015, 20 Uhr
Freitag, 6. November 2015, 20 Uhr
Samstag , 7. November 2015, 20 Uhr


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de






Das Ensemble 9. November bereitet zum Herbst 2015 die musik-theatralische Groteske »Tagebuch eines Wahnsinnigen« nach der Erzählung des russischen Dichters Nikolai Gogol vor. Regie, Konzeption und Dramaturgie von Helen Körte.

Die Dramatisierung des Prosatextes verspricht durch die tragisch-komischen Fantastereien ihres Protagonisten ein wahres Fest, ein literarischer Schmaus voller frivoler auch ironischer Überraschungen zu werden, nicht zuletzt sprechende Hunde, die die Geschichte ad absurdum voran treiben. Den Fantasien des Dichters sind in der Umsetzung der Inszenierung keine Grenzen gesetzt und beweisen sich darin äußerst kompatibel...

Wir sehen eine Reise ins Innere eines Menschen, der, gebeutelt durch die Routine des Beamten-Alltags, eine ständige Achterbahn der Gefühle erlebt, um schließlich in einem Labyrinth voller Zeichen des Wahnsinns angekommen zu sein, wo sich der Held selbst als König von Spanien inthronisiert. Als letzte Konsequenz ruft der, in seinen Wahnverstrickungen Verfallene, in der Irrenanstalt nach seiner Mutter.

Den ursprünglich aus Monologen bestehenden Text entfaltet das Gesamtkunstwerk des „E9N“ in Darstellendem Spiel, Live Musik (Jazz und Klassik), Choreographie, Bildender Kunst und Neuen Medien für alle Sinne.
www.gallustheater.de

Regie, Konzeption, Dramaturgie
Helen Körte

Bühne, Objekte
Dr. Wilfried Fiebig

Schauspiel, Gesang:
Raija Siikavirta
Damaso Mendez
Simone Greiss
Michael Fernbach
Elena Thimmel

Musik / Komposition:
Jens Hunstein
(Klarinette, Flöte, Akkordeon, Percussion usw.)
Uwe Oberg
(Piano)

Licht:
Johannes Schmidt

Projektionen, Grafik:
Joerg Langhorst
Rebekka Waitz (Comic / Animation)

Kostüme:
Margarete Berghoff
Wilfried Fiebig

Assistenz:
Rebekka Waitz

Unterstützt von:
Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach


PRESSESPIEGEL

FAZ vom 16.10.2015:

Wenn ich König von Spanien wär'

Das "Tagebuch eines Wahnsinnigen" im Gallus Theater

Hunde bellen. Auch schnüffeln sie gerne. Und manchmal heben sie ein Bein und markieren ihr Revier. In Helen Körtes Inszenierung „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ können die drei bunten Hunde noch viel mehr. Sie sagen „Guten Tag“ oder „Bonjour“, sie singen, sie tanzen, sie telefonieren — und sie ziehen ein rotes Boot durchs Meer, in dem der Beamte Poprischtschin einen Moment lang im Glück vereint ist mit seiner Angebeteten, der Tochter seines Büro Direktors.
Diese Imagination des Protagonisten und Tagebuchschreibers stellt eine noch milde Form seines zunehmenden Wahnsinns dar. Am Ende wähnt sich der Be amte als König von Spanien und glaubt sich von der Inquisition, die in Wahrheit sein Irrenhaus-Wärter ist, verfolgt. Trotzdem ist das Verrücktsein nicht die schlechteste Lebensform für den von Michael Fernbach exzentrisch dargestellten Poprischtschin: Denn etwas Besseres als das beamtete Bleistiftspitzen für seinen Vorgesetzten findet sich überall — selbst in der Anstalt.

Die Erzählung „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“, die der russische Dichter Nikolai Gogol 1835 in Form von Tagebuch- Eintragungen niedergeschrieben hat, wird im Theater gerne als Ein-Mann-Stück gegeben. Die Regisseurin Körte hat dagegen aus der Vorlage eine Crossover-Produktion mit Dialogen, Monologen, Film, Musik sowie phantastischen Objekten und Kostüme mit fünf Darstellern gemacht, die immer mal wieder die Rollen wechseln.
Damaso Mendez spielt zuerst ganz unschuldig in Chaplin—Manier den Abteilungsleiter in Poprischtschins Büro, dann mit tierischer Begeisterung einen der drei sprechenden und tanzenden Hunde, schließlich den sadistischen Irrenhauswärter. Mit ihm bellen, hecheln und wedeln mit ihrem Hundeschwanz Simone Greiß und Raija Siikavirta. Elena Thimmel als Angebetete behält ihre Rolle das ganze zweistündige Stück über bei, darf aber immer in noch schönere Kleider und Röcke schlüpfen. Die verschiedenen Phasen von Pop ritschtschins Absturz in das Reich des Wahns bebildert Körte, unterstützt von dem Objekte-Erfinder Wilfried Fiebig und der Kostümbildnerin Margarete Berghoff, in üppiger Weise. In dieser Inszenierung wird nicht einfach nur monologisiert und grimassiert, hier nehmen der komische Sprachwitz Gogols und die grotesken Imaginationen seines Helden materielle Gestalt an und finden sich in phantastische Bilder über setzt. Wie so oft schon sprudelt die Regisseurin vor optischen und theatralen Einfällen. Poprischtschin, der Ferdinand II. von Spanien zu sein glaubt, wird von vier Stierkämpfern auf einem rollenden Thron in die Manege gezogen und ficht wie weiland Don Quichote gegen eingebildete Gegner. Die Hunde leuchten bei ihrem Tanz auf wie Figuren des Schwarzen Theaters, wie man es aus Pragkennt. Mit spitzer Narrenmütze auf dem Kopf sitzt der tragische Held unter Irren und ist dort mit seinen Visionen unter den Verrückten das Genie.

Zu diesem Bilderstrom passt die Musik der Zwei-Mann—Begleitung. Der bewährte Jens Hunstein setzt mit Klarinette, Flöte, Akkordeon und Perkussion den Rhythmus und die Kontrapunkte, Uwe Oberg, der zum ersten Mal in einer Produktion Körtes und ihres Ensemble 9.November auftritt, grundiert das Ganze. Was für Hunde, diese Theatermacher, würde man in Bayern sagen.
HANS RIEBSAMEN


Frankfurter Rundschau vom 16.10.2015:

Auf den bunten Hund gekommen

Helen Körtes Version von Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ opulent im Frankfurter Gallus-Theater.

Der russische Beamte Poprischtschin ist in seinem „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ überzeugt, „dass die Hunde weitaus klüger als die Menschen sind... und dass sie sprechen können, dass sie es jedoch aus Eigensinn nicht tun“. Diese Annahme aus der 1835 erschienenen, 28-seitigen Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol macht Helen Körte zum Ausgangspunkt in ihrer Inszenierung der Tagebucheinträge.

Während Poprischtschin bei Gogol lediglich den Gesprächen der Hunde bedeutsamer Leute zuhört, tollen auf der Bühne des Gallustheaters drei sprechende Hunde in farbenfrohen Ganzkörperanzügen und Schwänzen, die auch mal als Barhocker fungieren (Objekte: Wilfried Fiebig) ebenso um den immer verrückter werdenden Beamten herum wie der verhasste Abteilungsleiter oder die von ihm angebetete Tochter des Direktors, schön phantasiert und versehen mit Lollipops oder freiem Rücken von Elena Thimmel.

Zwar bleibt die Geschichte die Gleiche. Poprischtschin, hier mit weißem Gesicht und stummfilm-artigen Bewegungen, flüchtet sich aus seinem enttäuschenden Leben in eine Welt, in der er glaubt, spanischer Thronfolger zu sein. Mit dieser Erkenntnis landet er schließlich in der Psychiatrie. Aber die Regisseurin stellt die Fantasien des Wahnsinnigen einfach mit ihm und den realen Figuren auf die Bühne. Zusammen mit seiner Angebeteten darf der Glückliche in einer riesigen roten Gondel mit Rollen über die Bühne fahren, gezogen von den bunten Hunden. Auch seine Inthronsierung spielt das Ensemble 9. November mit roten Kochmützen und selbst gebautem Holzwagen durch. Der Regisseurin gelingt es immer wieder, Anleihen aus dem Text intelligent für die Bühne zu übersetzen. Bei Gogol heißt es: „Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf!“ Bei Körte wird Poprischtschin in der Nervenanstalt Opfer eines Untertunkens, das Assoziationen an Waterboarding hervorruft.

Begleitet wird das Spektakel von zwei Musikern am Bühnenrand, Uwe Oberg zum ersten Mal für das Ensemble am Piano, Jens Hunstein bewährt mit unterschiedlichsten Instrumenten, etwa der Klarinette oder dem Akkordeon. Und auch an Videoprojektionen, etwa schwimmende Fische mit Menschenköpfen oder später eine Gemäldecollage des niederländischen Malers Hieronymus Bosch, fehlt es nicht.

Doch trotz vieler kurioser Einfälle und riesiger, absurder Bühnenobjekte hat der knapp zweistündige Abend seine Längen. Obgleich das Leben des Wahnsinnigen in der Nervenanstalt mit einem Aufseher in Lederjacke und schwerer Kette düster gezeichnet ist, zeigt sich doch kein Bruch in seiner Entwicklung. Der Abend ist eine Reise in die Welt von Poprischtschin und der Regisseurin. In dieser Abgeschlossenheit, in der Zeitlosigkeit seiner Ästhetik liegt sein Nachteil ebenso wie sein Vorteil.
Von GRETE GÖTZE

Strandgut, November 2015:

Der Teufel tanzt HipHop

Gallus-Theater: E9N zeigt „Tagebuch eines Wahnsinnigen“

Jubel, Trubel, Traurigkeit : Mit einem opulenten Bilderbogen auf einem reich kolorierten mediterranen Klangteppich bringt das Ensemble 9. November (E9N) in einer eigenen Fassung Nikolaj Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ ins Gallus Theater. Überraschend sind die Raum-, Ton- und Farbeskapaden nicht wirklich, wenn Helen Körtes Regie Musik, Tanz, Pantomime, bildende Kunst, Film und Schauspiel auf der Fiebig-Bühne zum Gesamtwerk aggregiert.
Die 1836 entstandene surreale Groteske um den Titularrat Poprischtschin hat es aber auch in sich. 50 Jahre vor Kafkas Geburt schickt der ukrainisch-russische Schriftsteller die nach Karriere und Liebe dürstenden Sinne des kleinen Beamten auf eine Berg- und Talfahrt, die ihn in elliptischen Kurven aus der Realität befördert. Doch geht jemand wirklich die Realität verloren, wenn er nach Zeichen der Zuneigung suchend, das Hündchen der vergötterten Cheftochter Sophie sprechen hört ? Ist es ein Realitätsverlust, wenn es ihm gelingt, im diffizilen politischen Geflecht der europäischen Mächte die vakante Stelle des spanischen Königs zu besetzen ? Oder gewinnt er nicht viel mehr neue Realitäten?
„Schöne heile Welt“ benennt Körte ihr Einstiegsvideo, das eine helle kleine Parkgesellschaft mit gespielten glücklichen Vierbeinern zeigt, bis ein teuflischer HipHop-Jünger die Harmonie zerstört und eine Garde Cartoon-Snoopys aufmarschiert. So macht uns das Entrée deutlich, daß man nicht alles verstehen muß, was gefällt. In Stummfilm-Schwarzweiß gekleidet fügt sich eine pantomimische Chaplinade des trostlosen Büro-Daseins an, ein städtisches Phänomen der Zeit, das Gogol schon in „Der Mantel“ zur Rampe von Verwirrungen macht.
Michael Fernbach, der den Protagonisten gibt, zeigt an der Seite des sich berückend bewegenden Pantomimen und Tänzer Damaso Mendez als Abteilungsleiter eine beeindruckende Virtuosität. Mit der Sprache und der Farbe erobert auch der süße Wahn des kleinen Mannes die Bühne. Seine Kontakt-versuche mit den bunt dressierten sprechenden Hunden (Simone Greis, Raija Sikhavirta) und der aufreizend schönen Sophie (Elena Thimmel) gipfeln in der romantischen Sequenz eines Gondola-Rendevous, von dem bei Gogol nirgends die Rede ist, was man Körte wie Poprischtschin aber nachsehen muß, so wundervoll präsentiert sich Sophie in den immer wieder neuen bunten Kleidern Margarete Berghoffs. Die Musiker Jens Hunstein und Uwe Oberg intonieren und improvisieren mit einer Vielzahl von Instrumenten das turbulente Geschehen. Reihen sich in den Phasen des Hoffens und Sehnens noch sanfte Chansons und Liebeslieder (J´attendrais, Plaisir d´amour) schmiegsam ein, so ballen sich zu Poprischtschins herrlich bebilderten Königsvisionen die schrägen Weisen zu einer royalen Revue. Von Sirtaki und Flamenco über Hoch auf dem gelben Wagen bis zur alles krönenden Kampfcantate der italienischen Frauenbewegung (La Lega) Hieronymus-Boschs-Bilder und Auszüge des von Gogol inspirierten Menschenfresser-Textes von Lu Xun leiten Poprischtschins alias Ferdinands II käsig beleuchtetes trauriges Ende in der Anstalt ein. In Ketten wähnt er sich der gefolterte Protagonist der Inquisition ausgeliefert an einem betörend schönen Abend.
Winnie Geipert

PREMIERE
Mittwoch 15. April
2015

"RAMEAUS NEFFE AUF BAROCKER WOLKE"
Nach einem Text von Diderot
übersetzt von Goethe
URAUFFÜHRUNG





Foto:
Sabine Lippert











Bilder:
Tarkan Gürsoy

ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


April 2015

PREMIERE: Mittwoch, 15. April 2015, 20 Uhr
Donnerstag, 16. April 2015, 20 Uhr
Freitag, 17. April 2015, 20 Uhr
Samstag, 18. April 2015, 20 Uhr

Mai 2015

Mittwoch, 27. Mai 2015, 20 Uhr
Donnerstag, 28. Mai 2015, 20 Uhr
Freitag, 29. Mai 2015, 20 Uhr
Samstag , 30. Mai 2015, 20 Uhr


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de






Regie, Konzeption, Dramaturgie
Dr Wilfried Fiebig

Kreative Interventionen
Helen Körte

Michael Fernbach(Schauspiel, Gesang, Klavier)
Janine Karthaus (Schauspiel, Gesang)
Kathrin Maier (Schauspiel, Gesang)
Juliane Fuhrmann (Schauspiel, Gesang)

Gabriele Zimmermann (Gesang)
Bastian Fiebig (Komposition, Gesang)

Johannes Schmidt (Licht)
Joerg Langhorst (Grafik)

Dr. Wilfried Fiebig (Bühne, Objekte, Kostüme)

Unterstützt von:
Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach


PRESSESSPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 16. April 2014:

Räsonieren und gut aussehen dabei
Von JUDITH VON STERNBURG

„Rameaus Neffe auf barocker Wolke“ mit dem Ensemble 9. November in Frankfurts Gallus-Theater ist höchst alert.

Einen philosophischen Dialog in ein Stück sinnliches Theater zu verwandeln, ist nichts für Angsthasen diesseits oder jenseits der Bühne. Nur scheinbar im Widerspruch zum Gehalt des Textes ist vielmehr eine gewisse Unbefangenheit am Platze. Wehe dem Theatermacher, der glaubt, er sei dem Publikum eine Erklärung schuldig. Ein Theaterabend ist kein Seminar (darf aber durchaus von einem solchen besucht und besprochen werden).

„Rameaus Neffe“, mit dem Zusatz „auf barocker Wolke“ dargeboten vom Ensemble 9. November im Frankfurter Gallus Theater, ist sogar ein sehr entspannter, dabei geraffter Gang durch Denis Diderots Text. „Die Sache riecht nach Kunst“, singen spöttisch drei Damen und haben recht, aber die traumversponnene Leichtigkeit geht darüber nicht verloren. Die Frage, was das alles bedeuten soll und ob das gelungen ist, steht ständig quietschfidel im Saal. Das hat damit zu tun, dass „Rameaus Neffe“ als Stück Theater am plastischsten wird, wenn der Nachkömmling des weltberühmten Komponisten – im Dialog gewissermaßen mit Diderot – ins Jammern kommt: Als verkanntes Genie im Schatten des Vorfahren.

Drei hinreißende Damen
Michael Fernbach ist das, mit schneeweißem Gesicht am Flügel und in verschiedenen fabelhaften Aufzügen Wilfried Fiebigs (Regie, Objekte, Kostüme). Die drei hinreißenden Damen, Janine Karthaus, Kathrin Maier und Juliane Fuhrmann, in klimpernden Reifröcken, widersprechen dem Herrn unaufhörlich, necken und umgickeln ihn friedfertig, applaudieren ihm freundlich und schenken seiner Verbitterung nicht mehr Beachtung, als Verbitterung es im Allgemeinen wert ist.

„Rameaus Neffe“ besteht aus atmosphärisch unterschiedlichen Blöcken, sofern dieses Wort nicht schon zu erdenschwer ist, definiert durch die Kostüm- und Objektwechsel. Und die Musik von Bastian Fiebig (mit Gabriele Zimmermann als üppigem Barockopernsopran, während sonst zutiefst heiter und auch mal Brechtisch aus der Lamäng gesungen wird). Sinnlichkeit heißt dabei nicht, schlapp zu werden, im Gegenteil ist das hier höchst alert.

FAZ 18.4.2015:

Metall und Textilien
„Rameaus Neffe auf barocker Wolke“ im Gallus-Theater

Als bildender Künstler hat Wilfried Fiebig eine unleugbare Liebe fürs Barocke. Philosophisch zeichnet er sich durch eine geistige und auch rhetorische Schärfe aus, die ihn mit den großen Aufklärern des 18. Jahrhunderts verbindet. Und natürlich weiß er auch um die Unerbittlichkeit und Heftigkeit, die Zuspitzungen und Zurichtungen eines Denkens, das sich auf sich selbst verlässt. Darum spielt auch die Guillotine als eine von vielen Formen eine Rolle in dem von ihm verantworteten 75-Minuten-Stück „Rameaus Neffe auf barocker Wolke“, ziemlich frei nach Diderot.
In der Produktion des „Ensembles 9. November“, die jetzt im Frankfurter Gallus-Theater Premiere hatte, tritt Michael Fernbach alias Rameaus Neffe dialogisch gegen drei Frauen an, einen kleinen antiken Chor gewissermaßen (Janine Karthaus, Kathrin Maier, Juliane Fuhrmann). Kostüme, Bühneninstallationen, Sprache und Musik vereinen sich zu einem bewegten Tableau, das atmosphärisch einen Denkraum und eine Epoche aufleben lässt, die zwischen Barock und Aufklärung, zwischen üppiger Ausstattung und rationalistischer Weltdeutung changiert.
Rameaus Neffe, der Künstler, der sich für genial, aber verkannt hält, von der Gesellschaft abhängig ist, die er verachtet, verkörpert pantomimisch und mit Maske das zugleich zynische wie verzweifelte Selbstbewusstsein der ästhetischen Moderne. Das Streben nach Autonomie zerschellt an den politischen und sozialen Mächten. Alle möglichen Gestalten werden zitiert, der König, die Mätresse, der Finanzier, der Minister, der Bettler, repräsentiertvon Hüllen ‘aus Textilien und Metall. Sie alle werden im wahrsten Sinn des Wortes auf die Müllhalde derGeschichte geworfen. Diese‘ Inszenierung lässt sich kaum als theatrales Ereignis begreifen, sie ist vielmehr eine Performance mit dramatischen Effekten. Künstlerische Objekte werden in Bewegung versetzt und mit Musik, komponiert von Bastian Fiebig, in Verbindung gebracht, und auch die Sprache gewinnt hier musikalische Qualität. Michael Fernbach spielt auch hervorragend Klavier, was den realen Darsteller mit der fiktiven Figur verbindet. Rameaus Neffe ist schließlich ein virtuoser Pianist und Geiger. Die Kunst bleibt, auch wenn der ‘Künstler nichts zählt. zer.

FNP 18.4.2015:

Vor den Terrorjahren

Das Frankfurter „Ensemble 9. November“ brachte unter der Regie Wilfried Fiebigs am Gallus-Theater „Rameaus Neffe auf barocker Wolke“ nach Denis Diderot heraus.

Eins leistet die Inszenierung (Konzept, Ausstattung, Regie: Wilfried Fiebig, Musik: Bastian Fiebig„kreative Interventionen“: Helen Körte) allemal. Sie schenkt der Bühne eine ureigene Gestalt des Erzähldialogs des französischen Aufklärers Denis Diderot (1713-1784), der als Text zwischen platonischem Dialog um die Frage nach der Wahrheit ‚und der Frivolität der Pariser Boheme steht.
Im Zugriff des „Ensembles 9. November“, mit Bühnenkräften der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und Neigung zu Musical und Soul, wird „Rameaus Neffe“ zur „barocken Wolke“: Fiebig macht aus dem Text eine Show, die seiner Wiener Herkunft gemäß ans alte Singspiel erinnert.
Alles findet vor einer Guillotine statt: ein Anachronismus, Nur wir nennen mit historischem Blick ja alles vor 1789 „vor"-revolutionär, während Diderot von der Französischen Revolution‘ nichts wissen konnte, so sehr sie ihn dann für sich reklamierte. Bei den Kostümen des Atelierkünstlers Fiebig herrscht der Bezug auf Konstruktivismus vor, vielleicht verspielter als gewohnt. Den Neffen und verkrachten Musiker, diesen Parasiten, der sich für ein verkanntes Genie hält, macht Fiebig zum klimpernden Pantomimen in Blutrot und Barett (Michael Fernbach), den intellektuellen Gesprächspartner „Diderot“ spart er als Figur aus oder verteilt ihn aufs Rest-Personal: Die singenden Actricen Juliana Fuhrmann‚]anine Karthaus und Kathrin Maier mit geweißten ‚und geschwärzten Gesichtern, in weißen, weißgoldenen, schwarzen Kostümen. Gabriele Zimmermann als klassisch ausgebildete Sprecherin (aus dem Off und auffahrende Objekte komplettieren das Konzept. Die Gegenstände, aus Gestellen und Kissen gefertigt, stehen für Stände und Schichten und landen, in Erwartung des Autodafés der Terrorjahre, auf einem Haufen vorm Schafott.
Weidlicher Gebrauch von Spiegeln deutet den intellektuellen Narzissmus. der Zeit an. Man sollte den Text kennen (das Spiel erzählt nicht, es reflektiert) um besser verstehen zu können.
Dennoch: hübsch gemacht. dek

FNP 15.4.2015:

Der Wunsch, ein anderer zu sein

15.04.2015 Der Theaterregisseur Wilfried Fiebig vom Ensemble 9. November inszeniert mit „Rameaus Neffe auf barocker Wolke“ ein Stück, bei dem klassisches Theater mit Bildender Kunst, Musik und Gesang verbunden wird. Premiere ist heute Abend im Gallus Theater.

Gallus. Gut 13 Jahre lang schrieb der französische Schriftsteller und Philosoph Denis Diderot (1713 – 1784) an dem Werk „Rameaus Neffe“. Obwohl es zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht wurde, entwickelte es sich, nicht zuletzt dank Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), der es Anfang des 19. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzte, zu einem unter Philosophen und Literaten stark beachteten und vieldiskutierten Werk.
Der Theaterregisseur Wilfried Fiebig vom Ensemble 9. November inszeniert mit „Rameaus Neffe auf barocker Wolke“ nun ein Stück, das auf dem Text von Diderot in der Übersetzung von Goethe basiert. Heute Abend feiert es um 20 Uhr Premiere im Gallus Theater in der Kleyerstraße 15.
Neidgefühle

In seinem Werk blickt Diderot auf die Pariser Gesellschaft, wie diese vor der französischen Revolution bestand, die im Jahr 1789 ihre Anfänge nahm und vom Schriftsteller selbst nicht mehr miterlebt wurde. Rameaus Neffe ist musikalisch begabt, unterhaltend und auch wortgewandt, steht dennoch aber nur im Schatten seines berühmten Onkels. Dieser ist gesellschaftlich akzeptiert, sein Neffe indes träumt hiervon. Die Furcht nur Mittelmaß zu sein verfolgt ihn. Er entwickelt Neidgefühle gegenüber dem Onkel und allen Männern, die erfolgreich sind.
„Jeder sagt, dass er zufrieden sei, möchte in Wirklichkeit aber jemand anderes sein“, sagt Fiebig. „So ist es bis heute. Das Werk von Diderot ist immer noch zeitgemäß.“ Die Gesellschaft habe damals in einer Zeit gelebt, in der alles durcheinander gewesen sei, nicht anders als heute, nur dass der Blick aktuell auf globaler Ebene liege. Diderots „Rameaus Neffe“ beschreibe zudem die gegenseitige Abhängigkeit aller Teile einer Gesellschaft.
Fiebig lässt Rameaus Neffen, gespielt von Michael Fernbach, in seiner Inszenierung in einen Dialog treten mit drei Damen der französischen Gesellschaft der vorrevolutionären Zeit, dargestellt von Janine Karthaus, Kathrin Maier und Juliane Fuhrmann. Der Theaterregisseur, der zudem promovierter Philosoph und Bildender Künstler ist und 1940 in Berlin geboren wurde, war über 30 Jahre lang an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach tätig. Er hat sein Atelier im Frankfurter Ostend am Ostpark. Dort sind auch die Kostüme entstanden, die die Darsteller tragen und diese zu lebenden Skulpturen werden lassen – Bildende Kunst wird Teil der Inszenierung.
Das Ensemble 9. November wurde 1988 von Fiebig und Helen Körte initiiert. Anlass war die bundesweite Gedenkfeier zum fünfzigsten Jahrestag der Novemberpogrome. Die Künstlerinitiative unter Leitung der beiden inszenierte als erstes damals „Szenen eines Kulturvolkes“. Es erzählt von dem Mädchenorchester in Auschwitz.
Seit diesen Anfängen hat das Ensemble 9. November, das, bis auf die Initiatoren, stets wechselnde Akteure hat, eine Vielzahl an Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Die Arbeit verfolgte stets das Konzept des Gesamtkunstwerkes, der durch einen interdisziplinären Ansatz realisiert wird – nämlich die Verbindung zwischen klassischem Theater, Musik, Gesang und Bildender Kunst.
Lieder vom Sohn

Auch in der aktuellen Aufführung werden diese Disziplinen miteinander verbunden. Nicht nur die Darsteller singen oder spielen Klavier. Der Gesang der Mezzosopranistin Gabriele Zimmermann erklingt in den Raum hinein, ohne dass diese für den Zuschauer zu sehen ist. Die Lieder basieren auf den Kompositionen des Musikers Bastian Fiebig, dem Sohn von Wilfried Fiebig.

Strandgut Kulturmagazin 05/2015:

Buster Keaton auf der barocken Wolke
Gallus-Theater:
E9N macht »Rameaus Neffe« zum Gesamtkunstwerk

Eigentlich ist es ein philosophischer Diskurs in Dialogform, den der Aufklärer Denis Diderot mit dem als Mensch und Musiker gescheitertem und verkanntem Neffen des erfolgreichen Komponisten Jean Philippe Rameau führt. Goethe hat den Text übersetzt, der aus Russland in seine Hände kam. Was für eine Herausforderung für den Theatermenschen und Philosophieprofessor Wilfried Fiebig, diese doch sehr anspruchsvollen Gedanken über die Un-Ordnung der vorrevolutionären Welt und Gesellschaft des 18. Jahrhunderts auf die Bühne zu bringen: in Bildern, Tönen und Bewegung, Tanz, Gesang, Musik und Licht!. Schon das allererste Bild verweist auf den widersprüchlichen Charakter des Protagonisten Rameau (Michael Fernbach). Er malträtiert die Tastatur des bereitstehenden Flügels und entlockt ihm doch gleich darauf zärtliche fast mozartige liebliche Töne: das musikalische Thema ist gesetzt, »Oh Rameau« tönt es aus dem Hintergrund. Auf der schachbrettartigen Bühnenfläche erscheinen schwarz-, rosa- und weißgesichtig drei Damen, die ihn von nun an aufs Lieblichste begleiten, kommentieren, ergänzen, spiegeln (wörtlich), umtanzen und besingen (Musik: Bastian Fiebig). Zunächst noch in fiebig’scher Manier mit den Reifröcken der alten Zeit beschwert, werden sie diese in der zweiten Hälfte ablegen und zu natürlicher Bewegung finden. Ist Rameau anfänglich in das Gelb des Neides gezwängt, so wechselt er danach in das blutige Rot der Jakobiner – auch die Guillotine steht schon bereit – in herrschaftlich-königlichen Putz, in die geheimnisvolle Maske des doppelgesichtigen Spiegel-MosaikMenschen. Wer den hochphilosophischen Teilen des Diskurses nicht kontinuierlich folgen mag, sollte sich ungeniert den mit Witz und Ironie aufbereiteten Kabinettstückchen aus Gassenhauern, Tanz, Farbe und Hintergrundgesang (hervorragend: Gabriele Zimmermann) einfach hingeben. Besonders amüsant auf zweischneidige Weise, wenn die Vertreter der Stände, obskure Figuren aller Art, vor der Guillotine aufgehäuft werden. Aber auch wo der abstrakte philosophische Diskurs verlassen wird, greift die »kreative Intervention« (Helen Körte) von glänzend aufeinander abgestimmter Pantomine und Gesang der drei Grazien Janine Karthaus, Kathrin Maier und Juliane Fuhrmann. Sie verlocken Michael Fernbach nicht nur als Rameau zu mimetischen Großleistungen, die an Buster Keaton erinnern. Schön auch, dass hin und wieder Bekanntes aufleuchtet, das Blaue Klavier der Else Lasker-Schüler etwa, oder die Rose der Gertrude Stein. Textkenntnis oder aber auch die Lektüre des Programmheftes erleichtern das intellektuelle Verstehen, das wie erwähnt nicht unbedingt notwendig ist, um den »schiefrunden« (barock aus dem Portugiesischen) Bilderbogen zu genießen. Mit der Konsequenz, zum Schluss immer derselbe unleidliche Mensch zu bleiben, und dies »Unglück noch 40 Jahre zu genießen«, wie uns Rameaus Neffe am Ende empfiehlt.

Katrin Swoboda



Bild:
Wilfried Fiebig

Wiederaufnahme 2015
Freitag 6. Februar
Samstag 7. Februar

"BLUTHOCHZEIT"
Theaterstück Von
Federico Garcia Lorca














Bilder:
Jörg Langhorst
Mona Langhorst

ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


Oktober 2014

PREMIERE: Mittwoch, 15. Oktober 2014, 20 Uhr
Donnerstag, 16. Oktober 2014, 20 Uhr
Freitag, 17. Oktober 2014, 20 Uhr
Samstag, 18. Oktober 2014, 20 Uhr

November 2014

Mittwoch, 5. November 2014, 20 Uhr
Donnerstag, 6. November 2014, 20 Uhr
Freitag, 7. November 2014, 20 Uhr
Samstag , 8. November 2014, 20 Uhr

Februar 2015

Freitag, 6. Februar 2015, 20 Uhr
Samstag, 6. Februar 2015, 20 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de






WEGEN DER GROSSEN NACHFRAGE:
WIEDERAUFNAHME: "BLUTHOCHZEIT"
FREITAG, 6 FEBRUAR UND SAMSTAG, 7 FEBRUAR 2015, 20 UHR
(Letzte Vorstellungen)

BLUTHOCHZEIT verbindet das Schicksalhafte der griechischen Tragödie mit dem Irrsinn einer großen Leidenschaft im Schatten der Gewalt. Wir erleben das Archaische in Form einer unausweichlichen Konfrontation, an deren Ende die Rettung der Familienehre durch Selbstjustiz steht. Bemerkenswert dabei ist die phantastische, poetische Kraft der Sprache. Der Rhythmus des Textes und die ausgeklügelte Körper- Musik- und Bildersprache wie sie in den Hochzeitstänzen kulminiert: Bunt, lyrisch und rasant zugleich stürzen sie in einen märchenhaften Rausch der Wahrnehmung. Traditioneller Auslöser des Ehrenkonflikts ist der Brautraub, der schon das Motiv der Rache in sich birgt. Zwei Familien, zwei Kontrahenten, Hass und Trauer, gegenseitige Gewalt. Bilder einer Landschaft, die lacht und weint. Der Mond und der Tod - La Muerte -, die anfänglich zu Komplizen der Liebenden werden, um sie später dann doch zu verraten. Mond, Tod und Erotik vereinen sich. Durch ihren Tod vollenden die Kontrahenten was vollendet werden muss. Am Anfang die Mutter als Ikone, virulent, feurig, am Ende die Trauergesellschaft mit Masken überzogenen Gesichtern. Übrig bleiben die zerpflückte Braut, blitzende Messer, und ein letzter, stummer Aufschrei wie in einer rot- gefärbten Oper. Aber der Tod ist jung und schön und nicht wiederzubeleben. Musik Improvisationen so wie eigens für die Inszenierung durchkomponierte Musik, mehrstimmiger Gesang, und Filmprojektionen runden das Spiel der vielseitigen AkteurInnen ab. Zusammen mit der skulpturalen, transparenten Bühne, surrealen Masken und Kostüme erzeugen sie ein einzigartiges Gesamtkunstwerk.

Die "unerfüllte Leidenschaft" ist eine Metapher, die sich über Jahrhunderte in unterschiedlichen Formen darstellt und darin ihre Allgemeingültigkeit manifestiert und bewahrt. (H.K.)

Regie, Konzeption, Dramaturgie:
Helen Körte

DarstellerInnen:
Ruth Klapperich, Dzuna Kalnina, Susanne Pfitschler, Simone Greiss, Raija Siikavirta, Claudio Vilardo, Damaso Mendez, Mario Krichbaum,
Special Guest Elena Thimmel.
Das Kind:
Annemike Plößer
Komposition (instrumental):
Martin Lejeune
Komposition (vokal):
Uwe Kremp
Musiker:
M. Lejeune (Gitarren etc.)
Jens Hunstein (Blasinstrumente, Akkordeon)
Bühne, Objekte, Kostüme:
W. Fiebig
Kostüme:
Margarete Berghoff
Choreographie:
Chananjah Plößer, Helen Körte
Film, Video, Projektionen, Grafik:
Jörg Langhorst
Assistenz:
Rebekka Waitz
Licht:
Johannes Schmidt



"Bluthochzeit" von
Federico Garcia Lorca
aus dem Spanischen von
Rudolf Wittkopf
Hrsg. Suhrkamp Verlag

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Frankfurt am Main
FAZIT-STIFTUNG
Hochschule für Gestaltung Offenbach/M

PRESSESSPIEGEL


Strandgut 10/2014:

Aus dem Füllhorn der Musen
Ensemble 9. November: Begeisternde »Bluthochzeit«

Man hat es ja ahnen können — und geahnt (Strandgut 10/2014): Helen Körtes Inszenierung von Federico Garcia Lorcas »Bluthochzeit« für das Ensemble 9. November ist zu einem freudvoll und farbenfroh überquellenden Kunstfest geworden, das vom Tanz und Pantomime über Gesang und Musik bis zu Kostüm und Bühnenausstattung reicht und selbst das Medium Film nicht auslässt. Und das obendrein eine hochliterarische und fesselnde urspanische Geschichte um Ehre und Tod, um Blut und Liebe erzählt, in der sich eine leidenschaftliche Braut noch während der Hochzeitsfeier mit ihrem Ex-Lover aus der Unterschicht auf einem Pferd in die Montanas davonmacht. Selbstverständlich zieht das Rache und Ehrenmorde der so stolzen, leidenschaftlichen Männer (Claudio Vilardo und Mario Kriechbaum) nach sich - und lässt nur die unglücklichen Frauen zurück: Simone Greiss, als die sinnlichste aller Bräute in Lockenpracht, Ruth Klapperichs tiefbittere, verhärmte Mutter und die anmutig-humorvolle tänzelnde Raija Sllkavirta als Magd. Silkavirta tanzt überdies mit Damaso Mendez die allegorischen Figuren des Mondes und der Bettlerin in Lorcas Werk, live begleitet von der manchmal aufreibenden, manchmal melancholischen Musik Martin Lejeunes (Gitarre) und Jens Hunsteins (Akkordeon, Trompete). Und es wird spanisch gesteppt und gesungen (Dzuna Kalneina, Susanne Pfitschler)‚ mit portugiesischem Sidestep (Elena Thimmel). Es ist mehr, ja: viel mehr, als ein Besuch an Ideen und Inspirationen an Bildern und musischen Genüssen verkraften kann, und beschenkt reich.

Von Winnie Geipert

Frankfurter Rundschau 16.10.2014:

Ach, wäre es schön, über die Liebe zu kichern
Von JUDITH VON STERNBURG

Seltsames Spanien: Das Frankfurter Ensemble 9. November nimmt sich im Frankfurter Gallustheater Federico Garcia Lorcas "Bluthochzeit" vor.

Die dunkle Unerbittlichkeit von Federico Garcia Lorcas "Bluthochzeit" (1933) findet beim Ensemble 9. November eine gute Heimstatt. Es geht im Stück nicht nur um Unglück bei gleichzeitiger Unterdrückung von denkbarem Glück, sondern um die Rituale, die eine Gesellschaft dafür vorsieht. Die Klage, die Wutrede, vor allem aber die Selbstbeherrschung, in der sich alles mit einem Aufstampfen begnügen muss. Sei es das Aufstampfen des Stuhlbeins oder des eigenen Fußes. Denn wir sind in Spanien. Spanien ist seltsam. Das hängt hier auch damit zusammen, dass hinten in der Ecke Martin Lejeune und Jens Hunstein ihre Instrumente aufgebaut haben und so tun, als würden sie Flamenco spielen. Aber Lejeunes Flamenco ist wie auseinandergesägt und neu zusammengesetzt, und sein Pathos ist kalt und seine verheulte Seite verschwunden. Es hört sich großartig an. Bei Bedarf krispeln, grummeln, knackern die Musiker auch in die Handlung hinein. Schräge Kunstlieder in Volksliedmanier (Uwe Kremp) werden veritabel als klassische Duette für Frauenstimmen (Susanne Pfitschler und Dzuna Kalnina) gesungen. Zum seltsamen Spanien gehören ebenso die Kostüme und Objekte von Wilfried Fiebig, wie immer von einem anderen Stern, aber die Herren tragen Schärpe, und da ist das prächtige Hochzeitskleid und dort ist sogar ein praktischer kleiner Fensterrahmen, aus dem sich die Tratscherin lehnen kann, um alles mitzubekommen. Die Mutter hat ein überlanges goldenes Kleid an, dessen Saum rundum mit Backsteinen am Boden gehalten wird. Ein Gefängnis, in dem man sich nurmehr ein wenig räkeln kann. Die Messer, die in Garcia Lorcas Spanien das Geschehen bestimmen, wie heute in den USA die Schusswaffen (so die Mutter: ohne Messer keine raschen Morde), sind unhandlich, aber scharf und von blendendem Glanz.

Munter klappert der Tod
Zum seltsamen Spanien im Gallustheater gehört aber vor allem die Bewegungssprache von Regisseurin Helen Körte, die die Darstellerinnen manchmal zu Tänzerinnen macht, die der großen Tragödie Platz schafft - die große Tragödie bricht sich nicht nur im seltsamen Spanien durch Schweigsamkeit Bahn -, um dann wieder verspielt ein paar shakespearische Narren auf der Bühne herumkugeln zu lassen. Eines der Narrenkostüme macht aus dem Narren auch einen munter herumklappernden Tod. Das Ensemble 9. November ist in Spiel- und Erzähllaune. Die zehn Spielerinnen und Spieler wechseln flink die Rollen, aber es gibt auch feste Zuordnungen. Simone Greiß ist die Frau zwischen zwei Männern, die Möglichkeit von Glück lässt sie gegen alle Logik strahlen. Ihr Gegenstück, die Schwiegermutter in spe, Ruth Klapperich, ist eine klassische Bernarda-Alba-Vorläuferin. Raija Siikavirta wieselt als omnipräsente Beobachterin & Kommentatorin durch die 100 Minuten. Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinesein - hier ist keiner je allein und jeder ist einsam außer den Liebenden - wird hier immer wieder zum Bild. Die Ideen spülen die "Bluthochzeit" aber nicht weg, sie bekommt nur eine ganz eigene Umgebung. Noch bevor die Schauspieler auftreten gibt es eine kleine Filmeinspielung (Jörg Langhorst), eine Art negativer Scherenschnitt. In reizender Stummfilmübertreibung findet sich ein Paar. Viel lieber würde man ja über die Liebe kichern, als über sie zu weinen.

Frankfurter Neue Presse 18.10.2014:

Die Braut brennt mit dem Geliebten durch
Von Marcus Hladek

Helen Körte vom "Ensemble 9. November" inszenierte im Frankfurter Gallus-Theater die "Bluthochzeit" von Federico García Lorca.

Im Untertitel des Stückes, "Lyrische Tragödie", steckt bereits das Opernhafte. Beim C trifft dies auf fruchtbaren Boden, denn immer schon war der kreative Einsatz von Live-Bühnenmusiken für die Gruppe um Helen Körte (Regie, Konzeption, Dramaturgie) und Wilfried Fiebig (Bühne, Objekte; Kostüme mit Margarete Berghoff) Teil ihres "Markenkerns". Dazu gehören auch wieder von der bildenden Kunst inspirierte Kostüme mit Bezügen auf historische Avantgarden wie Konstruktivismus und Kubismus. Gestänge, Plexiglas und weitere harte, dunkle oder lichte Materialien zählen neben daran befestigten Stoffrechtecken zu den Kostümapplikationen, welche die ansonsten traditionsbezogenen Kostüme verfremden. Requisiten wie scharfe Messer sind vergrößert und sichtbar spitzer als in der Realität. Hängende Raumobjekte erinnern an ein Nest, Schriftzeichen und anderes mehr; eine Art Trampolinfläche fokussiert, was in die Mitte gehört. So weit folgt Körte der "E9N"-Gruppentradition. Neu und erfrischend ist, wie sie "Bodas de sangre" inszeniert: als "Musiktheater in acht Bildern", relativ linear, szenisch und in größeren Dialogsequenzen erzählt.

Fremde Gefühlswelt
Mit einem Drama zu arbeiten, oder genauer: ein Drama arbeiten zu lassen, statt Romanstoffe zu "bebildern", kommt hier dem szenischen Zusammenhang entgegen. So ist weniger "Manier" in allem: der Stil, ein schöner Stil, drängt sich weniger vor die Geschichte mit ihren Leidenschaften und Einblicken in eine fremde, historische (Gefühls-)Welt. Es entsteht ein gut lesbares, nie verwirrendes Spiel aus und um "Bluthochzeit". Rachetaten resultieren aus einer Hochzeit, als die zerrissene Braut (Simone Greis), die ihren Bräutigam (Claudio Vilardo) schätzt, gleichwohl mit dem früheren Geliebten (Mario Krichbaum) durchbrennt: "Es" ist stärker als sie. Damit schafft sie einen Ehrenkonflikt zwischen Bräutigamsmutter (Ruth Klapperich) und Brautvater (Damaso Mendez, auch: Baumgestalt), wobei Lorca das Mantel-und-Degen-Topos der "Entführung" variiert und bricht. Das Ensemble besteht aus Sängerinnen (Susanne Pfitschler und Dzuna Kalnina) und einem halben Dutzend Schauspieler plus Kind, das die Erzählung einrahmt (Annemike Plößer). Die teils feste Rollenzuteilung bleibt unbenannt. Der schöne Fluss des Ganzen, teils abrupt angeschrofft, verdankt sich auch den Musikern Martin Lejeune und Jens Hunstein, die auf der E-Gitarre Flamencoklänge anhärten oder auf Klarinette, Akkordeon und weiteren Instrumenten Gefühlsfarben malen. Wichtig sind auch der verwendete Trickfilm und das Licht mit den bunten Quadraten (Johannes Schmidt). Über allem leuchtet schicksalhaft der Wandermond, wie auch ein schönes Lichtspiel mit Raija Siikavirta (Dienstmädchen, Mondgestalt) auf dem Vorhang den symbolisch-komischen Auftakt setzt.

FAZ 18.10.2014:

Gesamtkunstwerk der Leidenschaft
Das Ensemble 9. November zeigt im Frankfurter Gallus-Theater "Bluthochzeit"

Das Messer, das verfluchte Messer. Es sticht am Anfang von Federico Garcia Lorcas Tragödie "Bluthochzeit" ins Herz und auch am Ende. Zu Beginn trifft es als Erinnerung an den Blutrache-Tod von Mann und Sohn das Herz der Mutter, am Ende die Herzen des Bräutigams und seines Nebenbuhlers Leonardo. In Helen Körtes freier Inszenierung des Lorca-Klassikers im Frankfurter Gallus-Theater sehen die Messer der tötenden Männer aus wie überdimensionierte Klingen einer Schlachtmaschine, die alles blutig zerfetzt: den Körper, die Liebe, die Leidenschaft. Am Ende sind der Bräutigam (Claudio Vilardo) und Leonardo (Mario Krichbaum), der die Braut am Tage der Hochzeit auf seinem Pferd entführt hat, tot, die Mutter und die Braut dagegen seelisch ermordet. Archaische Gefühle treiben die Protagonisten dieses Stückes. Willenlos ist die Mutter (Ruth Klapperich) ihrer Rachsucht ausgeliefert, ja, sie ist in dieser bildersüchtigen Inszenierung Körtes geradezu eingemauert in einen Kerker von Vergeltungswahn. Ihr überlanges goldfarbenes Kleid bildet auf dem Boden um sie herum einen weiten Kreis, der mit Ziegelsteinen fixiert ist. Das Hausmädchen (Raija Siikavirta) braucht eine Schubkarre, um all die Gewichte, die diese verbitterte Frau beschweren, wegfahren zu können. Auch die Braut (Simone Greiss) kann der Urmacht ihrer Triebe nichts entgegensetzen. Sie liebt ihren Bräutigam, freut sich auf ihr Zusammensein, auf die Ehe, auf Kinder und Familie. Aber die Leidenschaft zu Leonardo, ihrem früheren Liebhaber, ist stärker. Als ob ein Fatum sie triebe, verlässt sie die Hochzeitsgesellschaft, tritt zu Leonardo, sattelt sein Pferd und lässt sich von ihm wegführen aus Familie, Pflicht, Gewohnheit. Das Blut ist starker als der Wille. Die Leidenschaft setzt sich über den Anstand hinweg. Körte inszeniert die tragische Handlung nicht psychologisch, sondern in starken, zuweilen statuarischen Bildern. Man denkt nicht nur an jenen Stellen, da das Dienstmädchen das Geschehen wie in den antiken Stücken wie ein Chor kommentiert, an die griechische Tragödie, in der die Figuren ihrem Schicksal ausgeliefert sind. Zwei Operndiven (Dzuna Kalnina und Susanne Pfitschler) greifen in Kompositionen von Uwe Kremp die Leitmotive auf und singen Lieder mit Texten wie: "Es strömte das Blut noch stärker als Wasser." Martin Lejeune an der Gitarre und Jens Hunstein an den Blasinstrumenten setzen musikdramatische Akzente. Überreich hat Wilfried Fiebig die Bühne mit surreal von der Decke baumelnden Einrichtungsstücken ausgestattet. Die Darsteller hat er in phantastische Kostüme gesteckt, besonders gelungen ist das Hochzeitskleid der Braut aus sich bauschenden papierenen Küchentüchern. Ergänzt werden Schauspiel, Gesang, Choreographie und bildende Bühnen- und Kostümkunst durch Filmprojektion und ein hinreißendes Schattenspiel auf dem Vorhang zu Beginn dieses wahren Gesamtkunstwerkes. Die Regisseurin Körte hat sich mit dieser Inszenierung noch einmal selbst übertroffen.
HANS RIEBSAMEN